Nach der Lektüre des schon 1957 von Ayn Rand geschriebenen Romans "Atlas Shrugged" ging mir aufgrund eigenen Erlebens viel durch den Kopf Ich habe es aufgeschrieben unter dem Titel:

Wer macht das Licht aus? - Im Staat? In unserer Kirche?

Beobachtungen und Fragen 1957 – 1989 - 2019

(hier als pdf-datei)

 

Ayn Rand ist als Autorin bei uns weitgehend unbekannt. In den USA wurde ihr Hauptwerk 1991 gleich nach der Bibel am zweithäufigsten genannt, als ein Buch, das das Leben seiner Leser verändert hat. 1 Mir wurde es vor kurzem geschenkt, weil unser Sohn mein Urteil darüber wissen wollte. 1957 in den USA unter dem Titel „Atlas Shruggedherausgegeben, 1958 in deutscher Übersetzung „Atlas wirft die Welt ab“ bzw. 1997 als „Wer ist John Galt?“ und 2012 in neuer Übersetzung als „Der Streik“ erschienen, weist das Werk immer noch hohe Verkaufszahlen auf. In den USA kam es als Triologie 2012 bis 2014 in die Kinos. Dies passiert sicher nicht zufällig, ist der Roman doch ein ideologischer Wegbereiter des Neoliberalismus. In mir aber hat es Erinnerungen aus der DDR-Zeit wachgerufen, aber auch an so manches, was ich in unserer Kirche zurzeit erlebe.

Doch ist dieses Werk, wie gesagt, schon 1957 erschienen. Ayn Rand, als Alissa Sinowjewna Rosenbaum 1905 in Sankt Petersburg geboren, erlebte als Zwölfjährige die Februar- und die Oktober-Revolutionen mit. Ihr Vater, ein jüdischer Apotheker, wurde enteignet. Auf der Suche nach einer neuen Existenz ging die Familie in die Ukraine, dann auf die Krim. 1921 kehrte sie nach Petrograd zurück, wo Alissa Philosophie und Geschichte studierte. 1926 erhielt sie eine Besuchserlaubnis für Verwandte in den USA , blieb dort, jobbte in Hollywood, heiratete den Schauspieler Frank O’Connor und schrieb Drehbücher und erste Romane.

1957

Dass Ayn Rand in ihrem Hauptwerk kommunistische Ideen attackiert, wundert mich nicht, dafür umso mehr, dass sie im Buch durchspielt, wie eine dem Kommunismus ähnliche Gesellschaftsordnung in den USA nach und nach verwirklicht wird, nachdem alle anderen Länder schon solche „Volksstaaten“ geworden wären. Sehr erstaunt hat mich, dass nicht einmal in dem 1259 Seiten dicken Roman die Sowjetunion oder Russland erwähnt werden, auch China, Korea u.a. nicht. Der Focus liegt auf den USA und Lateinamerika, insbesondere auch auf Argentinien, wo die Autorin den reichsten Mann der Welt herkommen lässt, eine der Hauptpersonen ihres Romans.

Für jemanden wie mich, die in der DDR die sozialistischen Weltanschauung kennengelernt hat, ist dieses Werk aber nur scheinbar eine Auseinandersetzung mit der marxschen Frage, wie eine Gesellschaft gestaltet werden kann, in der die Arbeiter einen gerechten Teil an den Früchten ihrer Arbeit erhalten. Tatsächlich beschreibt die Autorin einen Kampf innerhalb der Elite / der Reichen. Zwei Parteien stehen sich gegenüber. Die Guten sind sehr kluge, kreative Gebildete, die unentwegt arbeiten, täglich bis in die Nacht hinein und sich nichts gönnen. Ihren Besitz an Bergwerken, Fabriken, Stahlwerken, Eisenbahngesellschaften haben sie mit eigenen Kräften gegen viel Widerstände errichtet. Sie sind vorbildlich auch gegenüber ihren Arbeitern und werden von diesen hochgeschätzt.

Ihre Gegner sind ebenfalls Industrielle, die sich allerdings weniger um die Produktion ihrer Betriebe bzw. z.B. ein reibungsloses Funktionieren des Eisenbahnverkehrs kümmern, als um ihre Beziehungen zur Regierung. Sie bemühen sich bestimmte Gesetze durchzubekommen, die sie vor den Besseren im eigenen Lager schützen, also den Konkurrenten auf dem Markt. Darum lieben sie Empfänge, auf denen sie die entsprechenden Leute treffen, die Kontakte zur Presse und zur Wissenschaft pflegen. So versuchen sie ihr fachliches Unvermögen wettzumachen.

Ein innerfamiliärer Konflikt wird geschildert:

    • Der Bruder James Taggart als Haupterbe und Präsident der größten Eisenbahngesellschaft der USA gehört zu den „Bösen“, ein Taugenichts, der aber mittels der sozialen Phrasen seinem Unvermögen einen rosa Anstrich verleiht

    • und als die Gute seine Schwester Dagny, die Vizepräsidenten, als die Macherin, die den Betrieb der Eisenbahn unter immer größerem persönlichen Einsatz versucht am Laufen zu halten, selbstbewusst, durchsetzungsstark, das Erbe und Werk ihres Großvaters, des Gründers liebend.

Wiedererkanntes

Was das Lesen dieses Romans für mich so spannend machte, war die Schilderung dieses Kampfes der Hauptpersonen von Männern und dieser einen Frau gegen ihre Konkurrenz. Es wird der Niedergang eines wirtschaftlich blühenden Landes und seiner Institutionen hin zu Chaos, Armut, Verzweiflung und Selbstzerstörung beschrieben. Vieles davon kommt mir sehr bekannt vor, einerseits aus Zeiten des Sozialismus, etliches aber auch aus heutiger Zeit:

  • Für die Elite ist der Schein wichtiger als das Sein. Ihr eigener Reichtum und ihre Macht wird durch ihr angebliches Wirken im Sinne des Wohls aller verschleiert.

  • Gute Worte und Ziele dienen der Verschleierung des tatsächlich Beabsichtigten und der Betäubung des eigenen Gewissens der Täter. Solche Worte sind im Werk vor allem Gemeinwohl, Barmherzigkeit, Mitleid, … Sie sind Teil einer Ideologie, die in den Medien und in Reden propagiert wird, aber je länger, je weniger dem erlebten Alltags entspricht.

  • Es entsteht bei denen, die als Adressaten des Guten dienen, eine Anspruchshaltung, auf all dies Versprochene ein Recht zu haben, ohne etwas dafür tun zu müssen, ohne Gegenleistung. Wichtig ist allein das Bedürftigsein. Hilfe erhält aber nur, wer in das Raster passt. Je schlimmer die Probleme sind, umso eher lassen sich Spenden und Hilfe einwerben.

  • Mit Geschenken und Hilfsgütern für Notleidende in anderen Staaten wird im Ausland das Bild eines guten Staates vermittelt, und innerstaatlich von der eigenen Misswirtschaft abgelenkt. Dies geschieht auch dann noch, wenn man dadurch die eigenen Wirtschaft schädigt und ihr Mittel entzieht, die sie selbst dringend benötigt werden, um die Produktion am Laufen zu halten.

  • Entscheidungen werden nur scheinbar in den dafür bestimmten Gremien gefällt, sondern vorher schon auf Empfängen oder anderen informellen Treffen gefällt.
    Der Genuss von Alkohol gehört sehr häufig dazu und wird erwähnt. Nicht die zu lösenden Sachfragen beschäftigen die Regierenden, sondern „ das prekäre Gleichgewicht ihrer Freundschaften und Verbindlichkeiten.“2

  • Gesetze und Verordnungen dienen dem Machterhalt der gerade herrschenden Elite und werden, wenn sie unbeabsichtigt für sie selbst unbequem werden, stillschweigend außer Kraft gesetzt bzw. nicht angewandt.

  • Gerichtsurteile spiegeln dies wieder. Da die Richter nur aufgrund der erlassenen Gesetze entscheiden können, stehen die Urteile weithin vorher schon fest.

  • Gravierende Fehler der Vergangenheit und die dafür Schuldigen dürfen nicht benannt werden. Es soll zur Tagesordnung übergegangen werden, ohne also auf die Ursachen der Fehlentwicklung einzugehen und Schuldige zur Rechenschaft zu ziehen.

  • Wissenschaftler, die für ihre Forschung leben und auf Fördergelder der Regierenden angewiesen sind, lassen sich für die Anliegen der herrschenden Elite einspannen.
    Einzelne Koryphäen erhalten die Mittel für Vorzeigeprojekt, mit denen international die Leistungskraft des Landes in einem besseren Licht erscheint.

  • Philosophen legitimieren die Herrschaftspraktiken und die Ideologie „wissenschaftlich.“ In Schulen und Hochschulen wird die Jugend entsprechend indoktriniert.

  • Die tatsächliche Lage im Land wird möglichst geheim gehalten. Wer darüber redet, bringt sich in Schwierigkeiten.

  • Mit dem Niedergang der Industrie und des Transportwesens verbunden ist ein Mangel an Ersatzteilen. Notwendige Reparaturen können nicht durchgeführt werden. Es kommt immer häufiger zu Unfällen und Katastrophen. Der Mangel an wichtigen Gütern führt zu Diebstahl da, wo man noch etwas eventuell Nützliches vorhanden weiß.

  • Im Rahmen des wirtschaftlichen Niedergangs kommt es vermehrt zu Enteignungen, zu Planwirtschaft, Bürokratisierung und einer Unmenge von Verordnungen und Gesetzen, die das noch Funktionierende knebeln und deshalb erfinderisch umgangen werden.

  • Die Mitarbeiter machen nur noch Dienst nach Vorschrift, haben Angst, wenn es die Situation erfordert, eigene Entscheidungen zu treffen, was dazu führt, dass das Unheil seinen Lauf nimmt.

  • Wer seine Arbeit liebt, kreativ ist und so die Entwicklung zum Wohle aller voranzutreiben versucht, wird , wenn er im Beziehungsgeflecht der Lobbyarbeit nicht genug aufwendet und die gebräuchlichen Phrasen nicht gebraucht, um seine Angepasstheit ans System zu beweisen, im günstigsten Fall übersehen, sonst aber behindert, diffamiert, Steine werden in den Weg gelegt bis hin zu Klagen vor Gericht. Wer so aus der Reihe springt, hat sich zu schämen und nicht noch stolz auf sein Wissen, sein Können und seine Leistungen zu sein.

  • Die Arbeit macht selbst den Engagiertesten keine Freude mehr und ist ein einziger Kampf gegen Nonsens und Inkompetenz und geschieht in der Gefahr, sich strafbar zu machen, also im Gefängnis zu landen. Dies spitzt sich zu bis Hass zu dem einzigen wird, was Menschen noch für einander empfinden können.3

  • Fähige Arbeitskräfte zu finden wird immer schwieriger. Am schwersten ist es Menschen zu überzeugen, leitende Stellen anzunehmen. Immer mehr der besten Arbeitskräfte und führenden Leute verlassen ihre Arbeit und sind für die anderen nicht mehr erreichbar. Etliche von ihnen zerstören vorher das von ihnen Aufgebaute, um es den „Plünderern“ nicht in die Hände fallen zu lassen und das System schneller zu Fall zu bringen.

Sie gehen in ein anderes Land, das ihren Vorstellungen eher entspricht und in dem sie hoffen können, ihr Wissen und Können letztlich einbringen zu können, auch wenn sie anfangs niedrigste Arbeit verrichten müssen, um überleben zu können.

  • Einige dieser „Besten“ bleiben aufgrund ihrer Liebe zur Heimat / zu ihrem bisherigen Werk zurück und ermöglichen es durch ihren täglichen Einsatz und Kampf, dass die Gesellschaft schlecht und recht weiter funktioniert, wenn sie auch den Niedergang nicht aufhalten können, sondern ihn nur verzögern.

  • Als die Regierenden vor dem Niedergang und der drohenden Katastrophe eines Volksaufstandes nicht mehr die Augen verschließen können, versuchen sie mit ihren Kritikern einen Bund zu schließen, ihnen einen Teil der Regierungsverantwortung zu übertragen, also den Fachleuten die Wirtschaft. Sie sind aber nicht bereit, grundsätzlich vom bisherigen Kurs abzuweichen. Ihr Gesicht wollen sie wahren. Als der Protagonist sich weigert, auf diesen Handel einzugehen, wird er unter Druck gesetzt, als Gefangener behandelt bis hin zu Folter. Geheimdienstliches Abhören und Verfolgen, Einbeziehung von Familienmitglieder und Erpressung gehören zum Repertoire.

Unerwähntes

 

Während all dies sehr gut beobachtet und psychologisch nachvollziehbar geschildert wird und ich nur staunen kann, woher die Autorin das Wissen und die Erfahrungen hat, dies so zu beschreiben und in eine bis zum Schluss der 1259 Seiten spannende Handlung zu flechten, fiel mir auf, dass sie wichtige Lebensbereiche völlig unerwähnt lässt.

  • Nur einmal werden zwei Jungen erwähnt, die die Protagonistin an die eigene Kindheit denken lassen, ansonsten kommen Kinder nicht vor. Eheprobleme werden geschildert, Liebe und Sex, aber auf die Notwendigkeit auch Erben für den eigenen Besitz zu benötigen, wird mit keinem Wort eingegangen, obwohl sich die Helden im besten Alter für Elternschaft befinden. Das eigene Altwerden ist ebenfalls kein Thema, ebenso wenig wie Krankheit. Die beschriebenen Menschen sind alle gesund, psychisch wie physisch, nur ab und zu müde und abgekämpft, aber sofort wieder zur Stelle, wenn es nötig ist, - ein Superwoman und etliche Supermens.

  • Obwohl die gesamte Handlung in den USA der 50er Jahre spielt, ist nicht einmal auch nur andeutungsweise von den Weltkriegen die Rede, wohl aber mehrfach von zwölf Jahren – solange war der 2. Weltkrieg 1957 her. Die Handelnden und Beschriebenen sind alles Weiße. Schwarze, Indianer, Chinesen, Beispiele der Rassendiskriminierung kommen nicht vor.

  • Ebenso verschwiegen wird die Prägung der USA durch die christlichen Denominationen. Dafür ist von allen Religionen bis hin zu den Sekten zusammenfassend von den Mystikern die Rede, zu denen auch die marxistischen Materialisten gezählt werden. Alle gemeinsam werden auf das schärfste verdammt.

 

Atheistische Philosophie

 

Ayn Rand ist überzeugte Atheistin. Darin ähnelt sie den Marxisten. Sie macht sich nicht die Mühe, das was sie aus der Bibel zitiert, in seinem Kontext zu verstehen. Hauptsache es eignet sich dazu, die Moral der anderen zu diskreditieren.

Die im Buch vertretene und gegen Ende in einer dreistündigen Ansprache verkündete Philosophie, inzwischen als „Objektivismus“ bezeichnet, ist äußert einfach gedacht, eine reine Schwarz-Weißmalerei, die sich zwar als Lehre für eine Sekte eignet, nicht aber für akademische Diskurse. Immer wieder heißt das Bekenntnis „A= A“, und dies im Zeitalter der Quantentheorie!

Trotz der scharfen Ablehnung von Vergebung, Barmherzigkeit, ja allem was an Almosen erinnert und eine Gabe ohne Gegenleistung ist, bleibt die Autorin diesem Ansatz nicht konsequent treu. Da geht es durchaus um Vergebung, nach der die Helden sich untereinander sehnen oder sie einander gewähren. Ayn Rands Weltanschauung ist auch nicht unhumanistisch. Liebe wird definiert als „ Ausdruck persönlicher Werte, der höchste Lohn, den man für die moralischen Eigenschaften, die man charakterlich und persönlich erworben hat, verdienen kann, der emotionale Preis, den einer für seine Freude an den Tugenden eines anderen bezahlt.“4

Gewalt in jeder Form wird von der Autorin abgelehnt und soll als einzige Aufgabe dem Staat vorbehalten bleiben. Anderseits wird die von den Protagonisten im Roman gebrauchte Gewalt, die Seeräuberei des einen, das Zerstören von Bergwerken, Fabriken, Brücken und Gebäuden und zum Schluss das Erschießen eines Wächters durch die Heldin Dagny als selbstverständliche Kampfmittel gegen die „Bösen“ nicht kritisch gesehen, obwohl sie doch nicht vom Staat ausgehen. Diesen Staat gilt es ja gerade zu zerstören. Insofern besteht zwischen der Romanhandlung und der in ihr vertretenen Philosophie und Moral ein tiefer Graben. Für den Aufbau der Spannung im Roman ist dieses nicht der eigenen Philosophie konforme Verhalten jedoch sehr dienlich.

Die Philosophie kommt erst zum Zuge in einer von den Romanhelden selbst geschaffenen Welt in einem versteckten Tal in den Bergen der Rocky Mountains, als eine Utopie. Alles dort ist bestens organisiert und die Helden leben in harmonischer Gemeinschaft miteinander. Damit verkündet die Autorin aber nichts anderes als die Erbauer des Sozialismus in jenen Jahren:
Für den Kampf gegen den alten Staat der Bösen sind alle Mittel bis hin zu Krieg und Terror erlaubt. Die heile Gesellschaft, den
Kommunismus, verwirklichen wir dann, wenn wir unsere Gegner bis auf den letzten besiegt und unsere Weltordnung weltweit errichtet haben.

Die Wohltätigkeitsideologie

 

Auch im Kampf gegen sozialistischen Idealen aufgeschlossenen Intellektuellen ist Ayn Rand jedes Mittel recht. So attackiert sie nicht das in der Sowjetischen Verfassung von 1936 verankerte Prinzip Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“, sondern das von Marx als Zukunftsziel einer kommunistischen Gesellschaft formulierte Prinzip: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“5. Anders als Marx versteht sie unter Bedürfnissen nicht das wirklich Lebensnotwendige, sondern die sich ins Endlose vermehrenden Sehnsüchte, das zu haben, was ein anderer hat bzw. irgendwie denkbar und wünschbar ist. Dies ad absurdum zu führen, hat die Autorin natürlich leichtes Spiel und ist eines ihrer Lieblingsthemen, um die „Mystiker“, vor allem auch die Christen und - ohne ihn zu nennen - Jesus zu attackieren.

Da die „Bösen“ im Roman, diese von der Autorin konstruierten Wohltätigkeitsideologie vertreten, aber tatsächlich geschäftliche Konkurrenten bis hin zu eigenen Familienmitgliedern sind, entlarvt sie mit ihrer Schilderung die Hohlheit einer Ideologie, die angeblich dem Gemeinwohl diene, in Wirklichkeit aber dessen Zerstörung verschleiert.

Mit diesem Stilmittel der Schwarz-Weiß-Malerei lenkt die Autorin meinen Blick auf die heutige Gesellschaft. Bestimmte Fragen zu stellen, grenzt sofort aus. Anderes stellt einen augenblicklich auf die Seite der Guten, z.B. Geld zu spenden für Arme. Je größer das Elend ist, umso mehr könnte dabei zusammen kommen. Einfach nur in Not zu sein, reicht nicht, um die Hilfe von Sozialarbeitern und der Fürsorge des Staates in Anspruch nehmen zu können. Man muss in eine bestimmte Kategorie passen. Im Roman nimmt sich nach den erlebten Abweisungen die Frau des James Taggart das Leben. Sie stammt zwar aus sehr armen Verhältnissen, gehört aber nun zu den Superreichen. Dass sie vor ihrem Mann flüchtet und augenblicklich Hilfe braucht, ist im System nicht vorgesehen.

Nach den Ursachen der Not wird nicht oder zu wenig gefragt. Das gilt auch für Kommunen bis hin zu Staaten. Da wo Not ist, meint man mit materiellen oder finanziellen Mitteln helfen zu müssen, ganz egal ob es mir selbst dann wenig später genauso dreckig geht. Hauptsache ich stehe gut da, weil ich großzügig helfe. So ist jeder Betrieb, jede Kommune im Roman verpflichtet, dem Nachbarn zu helfen, mit dem Ergebnis, dass die gesamte Wirtschaft immer mehr den Bach herunter geht.

Nicht nur bestimmte Fragen zu stellen, stellt ins Abseits, sondern bei einer solch herrschenden Meinung auch der gesellschaftliche Stand. Die Armen und Notleidenden sind per se „gut“, wogegen die Reichen, die also viel haben, als geizig und habgierig diffamiert werden. Sie haben zu geben und wenn sie dies nicht von selbst tun, dann werden sie enteignet. Da sie aber nicht nur reich, sondern auch die Führungskräfte in der Wirtschaft sind, bricht die Wirtschaft ohne sie zusammen. Deshalb erwarten „die Bösen“ im Roman von ihnen, dass sie trotz ihrer öffentlichen Diffamierung in den Medien weiter ihre Arbeit tun, auch wenn ihr Werk ihnen nicht mehr gehört und sie über dessen Gewinn nur noch sehr begrenzt verfügen können, sie mit immer mehr Auflagen geknebelt und in ihrer unternehmerischen Freiheit eingeschränkt werden.

Der Roman zeigt aber auch, dass nicht der gesellschaftliche Stand das Entscheidende ist, sondern das Mäntelchen, das ich mir mit dem Gebrauch der vom Mainstream legitimierten Ausdrucksweise , Wort- und Themenwahl beim Reden und Schreiben umhänge. Die Zensur funktioniert im eigenen Kopf, der erspürt, was genehm und für die persönlichen Ziele hilfreich ist und was man lieber lässt und verschweigt. Fragen, ob es sich wirklich noch so verhält, ob das Geld, die Hilfslieferung wirklich einem guten Zweck dienen oder womöglich sogar Teil einer eigenen Kriegsstrategie6 sind, gegen wen auch immer, dürfen besser nicht laut gestellt werden.

Aber auch wenn dies geschieht und jemand den Mut hat, ehrlich zu reden und das Mäntelchen der angeblichen Humanität zur Seite zu schieben, wird dies nach dem ersten Schreck in die allgemeine Propaganda eingebaut und dient dem Beweis, dass doch Freiheit in der Meinungsäußerung herrsche, - Dies wird sehr ausführlich im Roman anhand von zwei Radioansprachen der Helden geschildert. Sie verlaufen so ganz anders verlaufen, als von den Politikern beabsichtigt.

Der historischer Hintergrund

 

Das meiste im Roman Geschilderte erinnert mich an die Zeiten des Sozialismus in der DDR und seines Zusammenbruchs. Ich frage mich darum, wie die Autorin dies 1957 schon so schildern konnte, wo doch gerade aus dem Einzelkämpfer Sowjetunion das sozialistische Weltsystem entstanden war, das ein Drittel der Welt umfasste. Seine weitere Ausbreitung war beabsichtigt und wurde befürchtet. Im gerade beendigten Korea-Krieg hatte man man die Hälfte des Landes an die Kommunisten mit der Teilung in Nord und Süd verloren und die USA wurden nun zunehmend im Vietnamkrieg militärisch aktiv, um auch dort die noch weitere Ausbreitung des Sozialismus zu stoppen.
Dass die Autorin aufgrund ihrer Biographie den Sozialismus und die Kommunisten hasste, ist nicht verwunderlich. Doch vermute ich, dass sie, die 1926 in die USA kam, auch von der Erfahrung der Großen Depression, dem „Schwarzen Donnerstag“, dem 24. Oktober 1929 und der anschließenden Weltwirtschaftskrise geprägt war, dem Niedergang der Wirtschaft, dem Schließen vieler Betriebe und der hohen Arbeitslosigkeit in diesen Jahren einerseits und der Gesetzgebung Roosevelts in diesen Jahren andererseits, der mit dem New Deal eine sehr soziale, aber weniger arbeitgeberfreundliche Politik vertrat. So ist laut Wikipedia bis heute in den USA umstritten, ob diese Maßnahmen erfolgreich waren oder nicht.7

Ayn Rand schrieb den Roman jedoch in den Jahren der sogenannten McCarthy-Ära. Ihr Man O' Connor war Schauspieler, sie selbst hatte nach ihrer Ankunft in den USA in Hollywood als Komparsin gearbeitet. Die Maßnahmen der Kommunistenverfolgung in diesen Jahren richteten sich auch gerade gegen Filmschaffende. Die Namen der „Bösen“ im Buch scheinen mir zum Teil Anspielungen auf Künstler und andere zu sein, die in dieser Zeit in Verdacht gerieten. Insofern schreib Ayn Brand ganz im Sinne der in ihrer Zeit ideologisch Herrschenden eine Rechtfertigung für jene Denunziationen und die Behörde McCartys HUAC 8

Allgemein Menschliches?

 

Wenn also nicht die Informationen Rands über das Leben unter dem Sozialismus, sondern Erfahrungen während der Weltwirtschaftskrise den Hintergrund ihrer Schilderungen des Niedergangs der US-amerikanischen Gesellschaft bilden, dann handelt es sich möglicherweise um die Beschreibung allgemein menschlichen Verhaltens angesichts des Niedergangs einer bis dahin blühenden Wirtschaft bzw. Institution. Ich jedenfalls konnte mich beim Lesen mich beim Lesen aufgrund eigener Erfahrungen in die Hauptpersonen sehr gut hineindenken kann, auch wenn ich keine Transkontinentale Eisenbahngesellschaft und kein Stahlwerk geleitet habe, sondern nur bis Ende 2018 für eine evangelische Kirchengemeinde in Berlin mitverantwortlich war.

Wir leben in einer Zeit, in der vom Bedeutungsverlust der Kirchen in Deutschland vielfach die Rede ist. Nun wird auch noch von kirchlichen Medien und leitenden Geistlichen eine Halbierung der Mitgliederzahl unserer evangelischen Kirchen in Deutschland für das Jahr 2060 vorausgesagt, also mehr als 40 (!) Jahre im Voraus und davon als von einer Tatsache geredet, die angesichts des demografischen Wandels nicht hinterfragt werden muss. Da entsteht leicht eine Stimmung, in der man sich wie im Sommer 1989 in der DDR darüber unterhält: „Wer macht am Ende das Licht aus?“

„Gehe ich lieber auch und suche mir etwas anderes, jetzt wo noch etwas anderes zu finden ist, bevor dann alle anderen auch kommen, oder bleibe ich und stabilisiere damit ein an sich schon zusammenfallendes System, verzögere also dessen Ende?“ fragt sich möglicherweise schon mancher wie die Dagny im Roman. Sie hatte Utopia schon kennenlernen dürfen, und war trotzdem wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt und hatte weiterkämpft.

Andere, denen nicht die Sache, um die es in der eigenen Arbeit geht, so am Herzen liegt wie mir, schauen den Verfall womöglich mit anderen Augen an: Hier geht sowieso alles demnächst zugrunde. Was kann ich mir aus dieser Konkurs-Masse problemlos rausholen und für eigene Zwecke nutzen, egal ob ich es jetzt dringend brauche oder nicht. Sicher ist sicher, ehe sich andere den Zugang dazu verschaffen. – Im Roman wird dies ausführlich beschrieben.

Dem Mammon vertrauen

 

Statt sich den demographischen Wandel genauer anzusehen, schließlich haben wir mit 83 Millionen eine Höchstzahl von Einwohnern in Deutschland, wird nicht nur von einer Halbierung unserer Kirchenmitgliederzahl, sondern auch von unseren Finanzmitteln ausgegangen. Man folgert, dass wir jetzt schon sparen und unsere Strukturen dem anpassen müssten, damit wir unseren Kindern auch noch etwas von dem, was unsere Vorfahren an Gütern zusammengetragen haben, überlassen könnten. - Das ist natürlich reine Ideologie, ein Mäntelchen, das nur sehr mühsam mit dem Argument der Generationengerechtigkeit verdeckt, was darunter steckt: Das Vertrauen auf den Mammon, das Geld. Obwohl der Dollar und sein Zeichen von Ayn Rand kultisch verehrt wurde und so auch das letzte Wort ihres Romans ist, wusste sie sehr genau, wo der wahre Reichtum des Landes war: nicht auf den Banken, schon gar nicht als Papiergeld, sondern in den fähigen Köpfen und engagierten Herzen der Menschen, die etwas im Leben bewegen wollen und Freude an der Arbeit haben, sowie in den von ihnen geschaffenen handfesten Werken und Erfindungen.

Die Landessynode der EKBO hielt es nicht für wichtig, einem Wunsch des Arbeitskreises Kirche und Ökonomie, eingebracht als Antrag durch die Kirchengemeinde Marzahn/Nord zu entsprechen und sich mit dem Zinsverbot der Bibel theologisch zu beschäftigen. Das war noch vor der Finanzkrise 2008/09. Nun aber gelten seit etlichen Jahren die Pensionen der PfarrerInnen als das Hauptproblem der Zukunft.

1999 waren wir Ost-PfarrerInnen aus der staatlichen Rentenversicherung, in die wir zu DDR-Zeiten eingekauft worden waren, wieder herausgenommen worden. In der 2. Hälfte der 90er Jahren sollten möglichst viele Pfarrer in den Vorruhestand gehen, mit 58 oder wenigstens 60 Jahren, um den Haushalt der Landeskirche zu entlasten. Man hatte erwartet, dass nach der Wende viele DDR-Bürger wieder zur Kirche zurückkehren würden, aber das Gegenteil war der Fall. Es gab eine große Austrittswelle aufgrund der Einführung des Abzugs der Kirchensteuer vom Lohn. Da das Argument, dass dann die Pensionskassen vielleicht Probleme bekommen könnten, nicht ernst genommen wurde, bekamen sie mit der der Niedrigzinspolitik der EZB seit 2008 nun doch Sorgen, erst recht aber durch die Nullzinspolitik seit März 2016. Mit Zinserträgen sollten die Pensionen bezahlt werden, nicht mit dem Kapital, das den Grundstock dafür bilden sollte, welcher schon bei Niedrigzinsen immer gewaltiger ausfallen musste und bei Nullzinsen oder gar Negativzinsen gar keinen Sinn mehr ergibt.

Negativzinsen aber und gerade solche auf große Kapitalanlagen sind nicht nur aus meiner Sicht an sich eine gute Sache, weil Geld ein Tauschmittel ist und darum immer wieder unter die Leute kommen sollte, um die Wirtschaft anzukurbeln, nicht aber als Sicherheit für künftige Zeiten irgendwo gebunkert werden kann. Wenn das Letztere scheinbar funktioniert, dann immer nur als Glücksfall, da Geld ein Tauschmittel für Waren ist, Waren aber nicht unbegrenzt haltbar und Boden als sicherstes Gut, nicht unbegrenzt zur Verfügung steht, auch genutzt werden muss, um Rendite zu ermöglichen. Die Golddeckung des Geldes ist bekanntlich schon lange nicht mehr gegeben.

Statt Jesu Wort ernst zu nehmen: „ Niemand kann zwei Herren dienen...Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. “ Matth. 6, 24 - wird in unserer Kirche dem Geld vertraut und versucht, es anzuhäufen.
Die Stellen der KatechetInnen wurden bei uns mit als erste gekürzt. Die Messgröße in unserem Kirchenkreis waren nicht die in der Gemeinde vorhandenen Kinder, sondern die regelmäßig pro Woche kommenden Kinder.
Wenn wir so unsere Pfarrstellen damals auch schon berechnet hätten, wie sähe dann jetzt unsere Kirche aus? Zum Glück musste ich darüber in meinem Dienst nie Nachweis führen, um meine Arbeit gegenüber vorgesetzten Dienststellen zu legitimieren. Aber die KatechetInnen! Soviel zur Generationengerechtigkeit. Damit unsere Kinder in 40 Jahren auch noch Kirchengemeinden erleben können, wird nicht erst jetzt, sondern wurde schon seit zig Jahren an ihnen gespart.

 

Nicht mehr oder woanders hingehen?

 

Ganz klar ist uns aber, dass wir als Kirche auf der Seite der „Guten“ in der Gesellschaft stehen, in der seit etlichen Jahren eine zunehmende Zahl von „Bösen“ registriert werden. Nicht Sachfragen stehen im Mittelpunkt vieler medialer Diskussionen, sondern Lippenbekenntnisse, das Beste für unser Land und die gesamte Welt bezwecken.

Dazu gehört auch, sich finanziell daran zu beteiligen, egal wie wenig es ist, Hauptsache ich werde als Spender genannt und kann mich Unterstützer der entsprechenden Initiative oder Hilfsaktion nennen. Dass man mit Geld allein kaum eines der großen Probleme heute lösen kann, steht auf einem andern Blatt. Hauptsache man fühlt sich selber gut, weil man zu den Guten in der Welt gehört. Aber zu diesen Guttaten wird das uns insgesamt zur Verfügung stehende Geld nicht ins Verhältnis gesetzt. Wie viel geben wir für uns selber aus? Wer erhält wie viel?

Schon seit Jahren fällt es schwer, Menschen vom Fach für die Aufsichts- und Entscheidungsgremien sowohl bei der Diakonie wie in den Kirchengemeinden und für Synoden zu gewinnen, die auch in der Lage sind, die verhandelten Vorgänge zu beurteilen. Erst recht schwierig ist es solche zu finden, die nicht nur Fachkompetenz mitbringen, sondern auch noch die Zeit, sonntags den Gottesdienst zu besuchen und sich auch sonst noch ehrenamtlich in der Gemeinde zu engagieren und ernsthaft nach der Lehre Jesu zu fragen.

So lange festangestellte, gut ausgebildete und engagierte Mitarbeiter da sind, kann ein Fehlen solcher externer Fachkräfte zur Not zeitweise verkraftet werden, ist aber nicht gut. Dann wird aus einer Gemeinde, in der sich alle mit ihren Gaben und Talenten einbringen, ein Dienstleistungsbetrieb von dafür Ausgebildeten und Bezahlten für Konsumenten der geistlichen Angebote.

Das Eigentum unserer Gemeinden anderen überlassen?

 

Es gerät in Vergessenheit, wem was eigentlich als Eigentum gehört. 101 Jahre nach dem Ende des Landesherrlichen Kirchenregiments ist es doch wohl schon lange überfällig, danach zu fragen. Vom Körperschaftsrecht her ist jede Gemeinde selbständig eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Was darüber steht, war bis zur Erklärung „Kirche“ zu sein, nur Verwaltungsebene für gemeinsam besser zu regelnde Fragen: in der EKBO die Kirchenkreise bis 2012. Die EKD hat mit ihrem Beschluss von 2015 eine Grundordnungsänderung in diesem Sinne beschlossen, der aber offensichtlich noch nicht von allen Landeskirchen zugestimmt wurde, denn unter dem geltende Recht ist der in Artikel 1, Absatz 1 eingefügte Satz „Sie ist als Gemeinschaft ihrer Gliedkirchen Kirche."9 noch nicht zu finden.10

Historisch ist das Eigentum jeder Gemeinde anders, weil auf vielfältige Weise entstanden: gestiftet und erhalten durch die Patrone der Kirchengebäude, gebaut von den Zünften oder den Magistraten der Städte, durch Erbschaften, Vermächtnisse, Stiftungen, Spenden ... und seit Bismarcks Zeiten auch durch Kirchensteuern finanziert. Wem gehört das Land auf dem die Kirchen errichtet wurden? Wem gehörte das Ackerland, das verpachtet oder von der Pfarrfamilie selbst genutzt wurde, um sich zu ernähren? Wenn es nun keine PfarrerInnen mehr geben wird, ist es noch gerechtfertigt, dieses Land zu behalten und dessen Erträge für ganz andere Personen zu verwenden, von denen die Menschen vor Ort keinerlei Nutzen haben?

Hängt wirklich von unseren materiellen und finanziellen Gütern als Gemeinden und Kirche unser Wirken zu Nutzen der Gesellschaft insgesamt ab? Oder ist es nicht auch vielleicht umgekehrt? Nehmen gerade diese finanziellen und materiellen Güter unsere Zeit und Kräfte so in Anspruch, dass wir für unsere eigentliche Aufgabe, nahe bei den Menschen zu sein und ihnen die frohe Botschaft Jesu zu bringen, kaum Gelegenheit noch haben?

Zum „Glück“ gibt es immer noch Touristen und Kulturinteressierte, die sich unsere Kirchen als Relikte einer großen Vergangenheit anschauen und den Denkmalschutz, der deren Erhaltung fördert, sowie kreative haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter die unsere großen alten Kirche in dieser Hinsicht zu nutzen wissen. Doch als Versammlungsorte einer lebendigen Ortsgemeinde sind sie in der Regel viel zu groß, zu teuer und zu kalt. Hängt vom Erhalt dieser vielen historischen Kirchen unser Christsein ab? Viele Gläubige versammeln sich bekanntlich schon seit Jahrzehnten in anderen Gebäuden, in Sälen, Läden oder selbst errichteten neuen Gemeindezentren.

Durch Fusionen werden die Eigentumsverhältnisse für die Gemeindeglieder vor Ort noch unübersichtlicher, als sie es aus der Historie schon sind. Die Erklärung „Kirche“ zu sein, hat sowohl aus den Kirchenkreisen – und falls von allen Landeskirchen beschlossen – aus der EKD - letztendlich Eigentümer gemacht. Ein Konzern11 wird gebildet, über den nur noch mittels der Aufnahme des gesamten Besitzstandes in entsprechenden Dateien ein Überblick verschafft werden muss. Wenn das vollendet ist, kann betriebswirtschaftlich effektiv eingegriffen werden, Unrentables abgestoßen und Zukunftsträchtiges gefördert werden? Wer entscheidet dann darüber? Welche Spezialisten nach welchen Kriterien?

Dahinter steht die Illusion, man könne erfolgreiche Modelle kirchlicher Arbeit einfach auch auf andere Orte übertragen ohne die Menschen vor Ort und ihre Eigenarten zu berücksichtigen.

Jesus hat uns anderes gelehrt

 

Jesus hat uns eine andere Arbeitsweise vorgegeben: das Wort Gottes auszustreuen wie Samen auf das Land. Sicher Dreiviertel von dem Ausgestreuten wird bei ihm gar nichts oder verkümmert nach dem Aufgehen gleich wieder, aber dieses eine Viertel bringt hundertfältig Frucht und gleicht so alles aus. Von einem Wachstumsprozess wird nicht nur hier in der Heiligen Schrift geredet, von etwas Lebendigem, das gehegt und gepflegt werden muss, das Nahrung benötigt, Regen und Sonnenschein, ehe die Ergebnisse bei der Ernte sichtbar werden, nicht von Geld, dessen optimale Anlage den erwünschten Erfolg bringe. Im Gleichnis Jesu von den anvertrauten Talenten geht es ja bekanntlich um unsere Talente /Gaben als Gläubige.

Ja, nutzen wir die Gaben unserer Gläubigen, lassen wir sie in unserer Kirche zum Zuge kommen!? Unsere jungen Leute, Vikare und jungen Pastoren werden noch vor aller praktischen Arbeit auf die Burnout-Gefahr in diesem Beruf aufmerksam gemacht. Präventionsstrategien werden ihnen nahegelegt.

Nicht die Streichung so vieler Mitarbeiter – und Pfarrstellen, nicht die Zusammenlegung der Gemeinden und Kirchenkreise zu immer größeren Verwaltungseinheiten erscheinen als das Problem, sondern die Gemeinden, die zu viel von ihren PastorInnen erwarten. Dabei ist es der schönste aller Berufe, weil so vielfältig, alle Emotionen kommen vor, nicht nur Leid und Trauer, sondern auch Freude und Dankbarkeit. Immer neue Aufgaben sind zu lösen und Probleme kommen auf den Tisch und fordern unser Denkvermögen, regen Nachfragen an und ermöglichen inneres Wachstum. So bleibt die Neugierde auf die Welt erhalten, auf Gottes Wirken unter uns, auf Geheimnisse, die es zu entschlüsseln gilt.

Richten wir unsere Augen auf die Gemeindeglieder vor Ort! Gemeinde ist, wo sie sich versammeln und nicht unbedingt, wo die Kirchengebäude stehen. Versammelt sie sich zu Hause und die Wohnstube reicht aus? Hat sie die Kraft ihre Kirche aus eigener Kraft zu erhalten und zu nutzen, vielleicht auch mit Hilfe anderer christlicher Gemeinschaften und Mieter?
Überfrachten wir sie nicht mit dem, was sie noch alles eigentlich tun und sein sollten, z.B. digital im Netz, wo doch jeder jeden kennt und per Handy erreicht werden kann?

Die vielen gesetzlichen Reglungen, die wir in unseren Kirchen haben und seit den Zeiten der Verwaltung durch die kaiserlich-königlichen preußischen Ministerien auch noch entsprechend nennen, sind nur effektiv in einem Großkonzern, von dem der Staat und die Kommunen mit Recht verlangen können, dass man sich dort an alle auch für die übrigen Konzerne geltenden Bestimmungen für Gesundheits- und Unfallschutz, Hygiene, Arbeitsrecht, Versammlungsrecht, Brandschutz usw. hält und selbst dafür Sorge trägt, dass dies auch ordnungsgemäß eingehalten wird.

Um dies alles zu verstehen und anzuwenden aber benötigt man Fachkräfte, externe oder firmeneigene. Wie kleine Vereine sind viele Gemeinden damit überfordert, brauchen aber das meiste davon auch nicht zu wissen, weil es sie in ihrer Arbeit nicht betrifft.

 

Tun wir das, was Jesus uns aufgetragen hat:

 

  • Gehen wir zu allen Völkern – hier bei uns treffen wir sie inzwischen an, gleich in der Wohnung nebenan. Wir müssen nicht mal mehr andere Sprachen lernen, die anderen lernen unsere.
    Unsere Organisationsstruktur als Landeskirchen ehemaliger deutscher Fürstentümer wird vor Ort mehr und mehr abgelöst werden von einer ökumenischen Zusammenarbeit gerade auch mit fremdsprachigen Gemeinden und Kirchen, mit all jenen, die als Christen in unserem Ort anzutreffen sind.

  • Stellen wir die Kinder in unsere Mitte und in den Mittelpunkt unseres Tuns und holen sie dort ab, wo sie sind – im Internet, in ihren phantastischen Welten auf der Flucht vor dem Leistungsdruck dieser hier. Nehmen wir uns Zeit für sie mit ihnen zu reden, zu spielen, zu lachen, die Welt zu entdecken und verschonen wir sie damit, jetzt schon unsere uralten Strukturen und Verfahrensweisen verstehen zu müssen.

  • Reden wir darüber, was Jesus uns aufgetragen hat, und versuchen wir dies unter den gegenwärtigen Bedingungen zu leben, als Einzelne und als Gemeinschaft. Angesichts der Ideologien der heutigen Zeit und auch eines als selbstverständlich akzeptierten ignoranten Atheismus einer Ayn Rand ist nichts aus meiner Sicht wichtiger als Jesu Worte ins Gespräch zu bringen.
    Denn nicht nur in rechten Kreisen gibt es Ansätze zu faschistischem Denken, auch in den hochgeehrten Kreisen der Wissenschaft, wenn dem Menschen an sich kein Wert zuerkannt wird, sondern er im Gegenteil als Kostenfaktor zu berücksichtigen ist, wenn er mehr und mehr als überflüssig angesehen wird, da Künstliche Intelligenz und Roboter demnächst an seine Stelle treten würden, wenn Kinder nur zur Überbevölkerung beitragen, wo doch andererseits Leistungsträger der Gesellschaft wie Raymond Kurzweil12 alles daran setzen, nicht sterben zu müssen und unsterblich werden wollen, ...

  • Lassen wir das Geld Geld sein, ein Mittel, das den Tausch von Waren erleichtert, aber erwarten wir von ihm keine Sicherheit im Blick auf die Zukunft, kein Heil und keine Heilung unserer Probleme! Sorgen wir uns darum, dass so viele in unserem Land, vor allem hier im Osten, nach den Erfahrungen mit der Wiedereinführung der Kirchensteuer als Lohnabzug durch den Arbeitgeber und nun durch die Banken bei Zinserträgen „Kirche“ als diejenigen assoziieren, die nur hinterm Gelde her sind.
    Es wird lange Zeit und viel Mühe kosten, diesen Stempel wieder loszuwerden. Umso wichtiger ist eine klare und für alle sichtbare Abkehr vom Vertrauen auf Geld, in grauer Vorzeit ererbte Rechte und Besitz nötig. Dass wir Pfarrer dabei unsere Pensionen ganz oder in der gegenwärtigen Höhe einbüßen werden, macht mir keine Angst. Der Herr, unser Gott wird uns schon nicht verhungern lassen und wenn wir nur so viel haben, wie die Ärmsten unter uns, die Rentner mit Grundsicherung bzw. Hartz-IV-Empfänger, dann sind wir auch emotional wieder näher bei denen, die Jesus uns besonders ans Herz legt. Wir würden dann auch über den Bedeutungsverlust bei den Mächtigen und Tonangebenden in der Gesellschaft nicht mehr so traurig sein, wie bisher.



Dr. sc. theol. Katharina Dang   am 27.09.2019

 

Anmerkungen:

2Ebd., S. 1017

3 Hier fallen mir die Berichte der Flüchtlinge aus dem zerfallenen Jugoslawien Mitte der 90er Jahre ein. Im Unterschied zu Kriegen kannten sie diejenigen, die ihnen unsägliches Leid angetan hatten, weil es die Nachbarn waren, die Kollegen, Bekannte, eindrücklich beschrieben durch Senada Marjanovic in ihrem Buch „Herzschmerzen. Gespräche über den Krieg mit Kindern aus dem ehemaligen Jugoslawien“ von 1994

.

4 Ebd., S. 1115

6Vgl: Ulrich Duchrow, Gert Eisenbürger und Jochen Hippler (Hrsg.) : Totaler Krieg gegen die Armen. Geheime Strategiepapiere der amerikanischen Militärs. 2. Auflage. Christian-Kaiser-Verlag, München 1991, . Die amerikanische Kriegsstrategier low intensity conflict , https://de.wikipedia.org/wiki/Konflikt_niedriger_Intensit%C3%A4t Zugriff am 27.9.2019

11Siehe: Thesen der Gemeindebünde der EKD zum Sonntag  Judica, dem 2. April 2017, veröffentlicht u.a. auf der Webseite de rEv. Kirchengemeinde Marzahn/Nord, jetzt unter „Berichte und Fotos“ 2017“ unter: http://archiv.zusammenleben-berlin.de/berichtfoto?showall=&start=2, sowie das „Wormser Wort: Nein zum bisherigen Umbauprozess der Kirche durch die EKD“ http://aufbruch-gemeinde.de/wordpress/?p=948 – Zugriff am 27.9.2019

12https://de.wikipedia.org/wiki/Raymond_Kurzweil,
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bilder-und-zeiten-1/im-gespraech-ray-kurzweil-werden-wir-ewig-leben-mister-kurzweil-1514269.html