Predigt am 29. Oktober 2023 in der Kirchengemeinden zu Blumberg und Lindenberg über
1. Mose 13 und den Wochenspruch aus Römer 12,21:



„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“



Liebe Gemeinde,

passend dazu wird uns heute als Predigttext die Geschichte von einem Streit vorgeschlagen, von einem Streit der friedlich beigelegt wurde. Dass wir darüber am 21. Sonntag nach Trinitatis predigen, ist neu. Als man sich vor ca. 10 Jahren anfing, darüber Gedanken zu machen, konnte man nicht ahnen, wie aktuell er heute sein würde. Das Jubiläum von 500 Jahren Reformation stand an und in diesem Zusammenhang hat man auch die Liste der Texte überarbeitet, über die wir predigen.

Vor unserem Text wurde erzählt, dass Gott Abraham erwählt hatte, um ihn zu einem großen Volk zu machen, mit dem sich alle Geschlechter der Erde einst Segen wünschen würden. Er hatte ihn beauftragt, aus Haran, der großen Stadt am Oberlauf des Euphrat loszuziehen in ein Land, das er ihm zeigen würde. Abraham folgte dem Ruf, obwohl seine Frau Sarah keine Kinder bekommen konnte und er nahm den Sohn seines früh verstorbenen Bruders mit, seinen Neff3en Lot. Wegen einer Hungersnot im Land Kanaan waren sie dann weitergezogen nach Ägypten und nun heißt es im Kapitel 13:

So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot mit ihm ins Südland. Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai, eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des HERRN an.

Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Perisiter im Lande. Da sprach Abram zu Lot: „Es soll kein Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.“

Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Gegend am Jordan, dass sie wasserreich war. (Denn bevor der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie bis nach Zoar hin) wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland. Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern, sodass Abram im Lande Kanaan wohnte und Lot in den Städten jener Gegend. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom. Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den HERRN.

Als nun Lot sich von Abram getrennt hatte, sprach der HERR zu Abram: „Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du bist, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir geben und deinen Nachkommen ewiglich. Und ich will deine Nachkommen machen wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deine Nachkommen zählen. Darum mach dich auf und durchzieh das Land in die Länge und Breite, denn dir will ich’s geben.“

Und Abram zog weiter mit seinem Zelt und kam und wohnte im Hain Mamre, der bei Hebron ist, und baute dort dem HERRN einen Altar.1

Wenn wir diese Geschichte hören, müssen wir doch gleich an Israel heute denken. Ist da nicht Platz für alle, für Juden und Palästinenser? Könnte die Lösung nicht so einfach sein? Wo willst du wohnen? Rechts oder Links? Wenn du den Osten wählst, geh ich mit den Meinen nach Westen.

Abraham war der Ältere und Ältere hatten damals mehr Autorität und zu sagen als Jüngere. Er hätte sich das beste Land aussuchen können und seinen Neffen in das karge Bergland und die Steppe schicken können. Doch er lässt Lot die Wahl und der wählt für sich die wasserreiche Gegend am Jordan mit der großen Stadt Sodom.

Abraham kritisiert das nicht, ist einverstanden und macht sich auf in die Berge. Und wieder spricht Gott zu ihm und verspricht ihm, das ganze Land zu geben, ihm und seinen Nachkommen – so zahlreich wie der Staub der Erde.

Im Folgenden wird Abraham nun nicht als der Gute geschildert und Lot für seine Entscheidung getadelt, sondern einfach erzählt, wie diese Familiengeschichte weiterging. Lot hatte kein Glück mit seiner Wahl. Es gab Krieg zwischen den Königen in seiner Gegend, der König von Sodom verlor und Lot und die Seinen wurden als Kriegsbeute von den Feinden mitgenommen. Als Abraham davon erfuhr, kam er mit 318 seiner Knechte und befreite ihn, rettete auch den Kriegsausgang für Sodom, wird erzählt. Bekannter ist die folgende Geschichte, dass Abraham sich bei Gott für Sodom und Lot einsetzt, als Gott die Stadt wegen der vielen Sünden dort vernichten will. Vorher lesen wir noch die Geschichte, dass Sarah ihrem Mann ihre Magd Hagar gibt, damit sie für ihn einen Sohn gebäre und Abraham so endlich einen Erbe hätte. Ich denke, diese Geschichte kennen wir auch alle.

Wie auch vorher schon und nachher wieder: Abraham wird uns nicht als der geschildert, der den Versprechen Gottes vertraut und geduldig wartet, bis sie in Erfüllung gehen. Im Gegenteil, er tut gleich anschließend etwas, um ihre Verwirklichung zu gefährden bzw. ihr nachzuhelfen wie mit Hagar. Aus Angst um sein Leben gibt er zweimal in Ägypten seine Frau Sarah als seine Schwester aus, worauf sich der Pharao sie sich wegen ihrer Schönheit zur Frau nimmt. Gott muss immer wieder eingreifen, damit nichts Schlimmes passiert und segnet Abraham trotzdem mit Reichtum und schließlich auch mit dem Sohn Sarahs Isaak.

Gott bleibt dem Abraham treu – egal was passiert, wird uns in der Bibel bezeugt – und damit auch Israel, dessen Stammvater er ist. Es sind nicht bessere Menschen als alle anderen. Es sind Menschen wie wir, in deren Schicksalen wir uns wiederfinden können wie in einem Spiegel. Schonungslos wird auch das Negative in ihrem Leben weitererzählt.

Im Blick auf heute, mehr als 3000 Jahre später, wundere ich mich, dass wir heute über diese Geschichte reden. Das ist für mich das erste Wunder: Durch Jesus, den Juden, den Nachkommen Abrahams, ist heute die Verheißung Gottes an Abraham Wirklichkeit. Menschen aus allen Völkern gehören heute zum Volk Gottes, das Abraham als seinen Stammvater ansieht, Abraham und Sarah.

Das zweite Wunder ist für mich, dass um das Jahr 620, als Mohammed zum Gründer des Islam auf der arabischen Halbinsel in den Oasen Mekka und Medina wurde, er sich und die Seinen von Abrahams Sohn Ismael, dem Sohn der Magd Hagar ableitete, den Abraham nach der Geburt Isaaks mit seiner Mutter Hagar in die Wüste schickte. Denn Sarah ertrug es nicht, den Älteren, den Sohn ihrer Magd, mit ihrem Sohn spielen zu sehen und hatte Angst, dass er als der Ältere einst alles erben würde.

Gott versprach dem Abraham, sich auch um Ismael zu kümmern und auch aus ihm ein Volk zu machen. - Ja, das hat er getan. Wie auch immer Mohammed dazu kam, sich auf diese Geschichte zu beziehen?! - Ich kann mich nicht genug wundern. Aber sie steht im Koran und kann jeden Muslim an die Verwandtschaft mit Israel erinnern.

Das Dritte, worüber ich mich wundere, ist, dass es immer noch Israel gibt. Es gab damals so viele zahlenmäßig kleine Völker und Sprachen, von denen wir heute oft nur aus der Bibel oder anderen antiken Quellen noch die Namen kennen, die aber seit vielen Jahrhunderten in anderen Völkern aufgegangen und mit ihnen verschmolzen sind. Bei uns sind es die Wenden, die hier auf den Dörfern rund um Berlin lebten. In Israel /Palästina sind es die Moabiter, Amoriter, Peresiter und wie sie alle heißen.

Als selbständiger Staat hat Israel in der Antike nicht lange bestanden. Nach einem Aufstand im Jahr 70 wurde Jerusalem von den Römern zerstört. Und nach dem Bar Kochba-Aufstand (132-136) wurde den Juden von den Römern verboten in Jerusalem und Umgebung sich aufzuhalten. Nicht erst seit dieser Zeit lebten sie verstreut, in Ägypten und Babylonien schon seit der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im 6. Jahrhundert vor Christus. Und wie uns die Apostelgeschichte und die Briefe des Paulus zeigen, lebten Juden zu dieser Zeit auch in vielen großen Städten Griechenlands bis hin in Rom.

Wir kennen ihren Sonderstatus hier bei uns in Deutschland, wo sie als Schutzjuden in eigenen Stadtvierteln wohnten und immer wieder mal auch vertrieben wurden. Aber im 19. Jahrhundert, ja schon Ende des 18. Jahrhunderts betrachteten viele sie (nur) als eine Religion neben der Katholischen und Evangelischen. Denken wir an die Ringparabel von Lessing in seinem Theaterstück „Nathan, der Weise, das gedruckt 1779 erschien.

Im Kampf gegen Napoleon, in dem zum ersten Mal auch die Bürger aufgerufen wurden, sich zu beteiligen, waren sie dabei. Es gab immer auch Gegner ihrer Gleichberechtigung als Bürger, aber wenn sie im Nationalsozialismus nicht so stigmatisiert und ausgegrenzt und dann umgebracht worden wären – und nicht nur die Juden bei uns, sondern in allen eroberten Ländern, dann hätten wir sicher hier noch Synagogen. Aber sie wären genauso leer, wie unsere Kirchen und den Staat Israel gäbe es vermutlich nicht.

Viele der Juden waren im 19. Jahrhundert ja Christen geworden, hatten sich taufen lassen, aus Glauben oder auch, um ihren Beruf weiter ausüben zu können, wie der Vater von Marx als Advokat, nachdem Trier 1815 von Frankreich zu Preußen kam. Viele waren, wie auch die übrigen Deutschen getauft, weil es halt so üblich war, aber interessierten sich nicht für die Kirche und waren als Intellektuelle darüber erhaben, waren Atheisten wie eben Marx und mit ihm viele andere. Kirche galt als überholt. Die technischen Möglichkeiten, die Wissenschaften faszinierten die Menschen, das, was jetzt auf einmal alles so möglich war. Und so ist es ja bis heute geblieben.

Wenn es bei den Nazis nicht Pflicht gewesen wäre, dass jeder, der einen staatlichen Posten oder in der Partei hatte, belegen musste, dass er keine Juden unter seinen Vorfahren hatte, dann wäre das sicher in vielen Familien in Vergessenheit geraten.

Aber nicht nur bei uns konnte das nicht vergessen werden, auch in der Sowjetunion stand „Jude“ im Ausweis als Nationalität und nicht als Religion. Und wenn wir heute bei Wikipedia uns über irgendwelche Persönlichkeiten der Vergangenheit oder Gegenwart informieren möchten, dann steht das in der Regel auch gleich oben in der Zusammenfassung und ich wundere mich immer wieder, wer auch alles dazu gezählt wird, obwohl es doch oft Menschen sind, die sich selbst nie dafür interessiert haben.

Für mich ist es ein Wunder, dass es dieses Volk immer noch gibt und dass es nun seit über 70 Jahren trotz aller Widerstände einen eignen Staat in Palästina hat. Aber wie geht es nun weiter? „Überwinde Böses mit Gutem“, wird uns heute gesagt. Wird uns gesagt! Nicht damit wir diesen Ratschlag den Israelis und Palästinensern geben, sondern damit wir unsere eigenen Konflikte so regeln!

Abraham und die Seinen waren Nomaden, die von einem Land zum andern wandern, je nachdem wo es gerade genug Nahrung gibt. Aber nicht nur Nomaden mit ihren Viehherden wandern bis heute. Kriege vertreiben Menschen. Andere sind auf der Suche nach einem Arbeitsplatz und besseren Lebenschancen für ihre Kinder. Manche wieder sind neugierig und wollen andere Länder erkunden, wieder andere wollen sich nützlich machen, sind beruflich unterwegs. Manche suchen ihr Glück, wollen schnell reich werden. Das war schon immer so. Davon wird uns in der Bibel viel erzählt.

Was aber relativ neu ist, ist die Ansicht, dass es besser für alle wäre, wenn jedes Volk einen eigenen Staat hätte. Solange uns Fürsten und Könige regierten, ging es darum, ein möglichst großes Reich zu haben mit möglichst vielen Völkern. Wie die Kolonialreiche der Engländer und Franzosen und Niederländer zeigen, war das auch noch lange Zeit in den von Bürgern regierten Ländern so. Die Bildung von Nationalstaaten hat aber immer wieder zu ethnischen Konflikten geführt, wie jetzt im Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan. Denn die Völker mit unterschiedlichen Sprachen wohnen seit eh und je nicht in geschlossenen Siedlungsgebieten, auch wir Deutschen nicht, sondern auch bis heute zum Beispiel seit über 700 Jahren in Siebenbürgen in Rumänien.

Liebe Gemeinde, das Böse durch Gutes zu überwinden, heißt auch, unsere eigenen Denkgewohnheiten zu überprüfen. Stimmt zum Beispiel meine Annahme, dass Deutschland, dass Europa christlich sei? Und deshalb auch christlich zu bleiben hätte?

Jesus, der Jude, hat seine Jünger als Juden zu allen Völkern der Welt gesandt und so ist es auch unsere Aufgabe, wenn wir ihm nachfolgen wollen, für Menschen aller Völker offen zu sein und ihnen davon zu berichten, wer der Herr unseres Lebens und der Welt ist: Jesus aus Nazareth, der in Jerusalem hingerichtet, am Kreuz starb und von den Toten auferstanden ist, damit wir leben – jetzt und einst da, wo er jetzt ist, in seinem Reich, Jesus von Nazareth, durch den Gott in unsere Welt gekommen ist. Das ist unsere Gewissheit. Amen.



Fürbittengebet



Himmlischer Vater, schlimm sind die Nachrichten, die wir nun schon seit drei Wochen jeden Tag aus dem Heiligen Land hören und sehen und es droht jeden Tag noch schlimmer zu werden. Unruhe macht sich auch bei uns breit und Politiker versuchen, ihr Bestes zu tun, um einen Flächenbrand zu verhindern.

Herr, wir bitten Dich für sie, dass sie auf dem Wege von Verhandlungen Lösungen für die Befreiung der Geiseln und für die mehr als zwei Millionen Menschen im Gaza-Streifen finden! Nichts sieht danach aus. Herr, wir bitten Dich um dieses Wunder!

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Herr, lass uns nicht die anderen Kriege aus den Augen verlieren, die zum Teil schon seit Jahrzehnten die Beziehungen der Völker vergiften, Familien zerreißen, Menschen zu Flüchtlingen machen. Kein Ende ist abzusehen im Krieg Russlands gegen die Ukraine, kein sichere Leben für die Menschen in Afghanistan. In Armenien bangen die Menschen um die Zukunft des Landes. O Herr, statt besser, scheint es immer schlimmer mit uns Menschen auf dieser Erde zu werden.

Wir rufen zu Dir: Herr, erbarme Dich!

Vater, wir bitten Dich für uns und unsere Lieben! Erhalte uns den Frieden! Immer mehr geben sich dem Hass hin, meinen es besser zu wissen als die Verantwortlichen in der Politik. Statt sich gemeinsam um die Lösung der Probleme zu kümmern, werden Schuldige gesucht, Machtkämpfe inszeniert.

Vater, lass uns immer daran denken, dass Du unser aller Vater bist, wer es auch sei, welchem Volk er angehört, welche Sprache gesprochen wird. Du liebst jeden Einzelnen von uns. Zu Dir rufen wir gemeinsam:

Vater unser...

1Nach der Luther-Übersetzung 2017

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Predigt am 23. Juli 2023 in der Dorfkirche Marzahn und dem Evangelischen Gemeindezentrum Marzahn/Nord über Apostelgeschichte 2,41-47 und 4,32-35

 

Predigt in den Dorfkirchen von Blumberg und Lindenberg am 23. April 2023 über den 1. Petrusbrief 5,1-4:

 

Predigt am 16. April 2023 in der Dorfkirche Marzahn über 1. Mose 32,23-31

 

Predigt in der Gemeinde Berlin-Marzahn/Nord am 26. März 2023 über den Hebräerbrief 5, 7-10:

 

Predigt im Gesprächsgottesdienst in der Emmaus-Kirche1 Zehlendorf am 19. März 2023 über Lukas 24,17-27

 

Predigt am 19. Februar 2023 über in der Dorfkirche Marzahn und im Gemeindezentrum Marzahn/Nord über 1. Kor. 13 

 


 

Predigt über den Psalm 46 und das Lied Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“

am 30. Oktober 2022 im Gottesdienst zum Reformationsgedenken in Ahrensfelde und Eiche bei Berlin

 

Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis, dem 23. Oktober 2022 in der Dorfkirche Ahrensfelde über Markus 2,1-12


Predigt am 19. September in der Dorfkirche Ahrensfelde über Jesaja 12

 

Predigt am 29. Mai 2022 in der Dorfkirche Ahrensfelde über Römer 8,26-30

Predigt am 1. Mai 2022 in der Kirche zu Blumberg über Johannes 21,15-19

 


 

Predigt am 17.10.2021 in Ahrensfelde über Micha 6,8: Was ist gut? - Haben wir heute ein Problem damit?

 

Predigt am 10.10.2021 in Blumberg über den Jakobusbrief 5,13-16: Für Kranke beten und ihnen die Hände auflegen?

 

Predigt am 19. September 2021 in der Dorfkirche Ahrensfelde über 2. Timotheus 1,10b:

 

Predigt am 11. Juli 2021 in der Dorfkirche Ahrensfelde über Matthäus 28,16-20



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Die meisten der hier auf dieser Webseite veröffentlichten Predigten habei ich in der Kirchengemeinde Berlin-Marzahn/Nord gehalten.  Darum hier auch noch meine letzte Predigt dort:

 Predigt im Silvestergottesdienst 2018 zum Abschied von der Gemeinde Marzahn/Nord,

- da frei von mir gehalten, nun nachträglich noch mal so aufgeschrieben, wie ich es habe sagen wollen -

 

über Johannes 8,31-36:

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten:Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“

 Da antworteten sie ihm: „Wir sind Abrahams Nachkommen und sind niemals jemandes Knecht gewesen.  Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden?“

 Jesus antwortete ihnen und sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht aber bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“


Liebe Gemeinde,

schon dreimal hatte ich über diese Sätze hier Silvester zu predigen, über diese Worte, die so gar nicht zu einer Silvesterfeier zu passen scheinen. Heute am Ende meines Dienstes möchte ich darauf zurückblicken.
1994 war es das erste Mal. Ich habe über Freiheit nachgedacht. Unsere Kinder waren noch in der Grundschule und ich hatte die Erfahrung, wie es ist, Rechtschreibung zu üben. Es gibt Regeln, die man sich einprägen muss, man hat nicht die Freiheit, das einfach anders zu machen.Ein falsch geschriebenes Wort wird immer und immer wiederholt, bis es sich eingeprägt hat. So hieß es: „Übung macht den Meister.“ Dann aber passiert es beim Schreiben, dass man etwas, was bisher immer richtig war, auf einmal verkehrt geschrieben wird. Das sah ich als Bild, wie es uns im neuen Jahr möglicherweise ergehen wird: Wir nehmen uns vor, es nun besser und richtig zu machen, aber wir werden neue Fehler machen, die uns bisher nicht passiert sind. Regeln sind wichtig für das Miteinander, wenn wir gut miteinander auskommen wollen. Jesus ist ein geduldiger Lehrer, der uns, seinen Schülern, zutraut, sie zu lernen und dadurch frei zu sein und Mut zu haben, für die neue Übungsrunde, die das neue Jahr für uns bedeutet.

 Unsere für die Predigt vorgeschlagenen Texte wiederholen sich alle 6 Jahre. Im Jahr 2000 war ich aber nicht dran, den Gottesdienst zu halten, wohl aber 1999. An diesen Abend erinnere ich mich noch sehr gut. Von jungen Männern, die wir eine Zeit lang hier aufgenommen hatten, hatte ich schon ein paar Jahre vorher gehört, dass an diesem Abend in Rio de Janeiro die größte Silvesterparty der Welt stattfinden würde, um das Jahr 2000 zu begrüßen. Die katholische Kirche hatte ein Heiliges Jahr ausgerufen. So war ich auf die Idee gekommen, das Jahr hier in Marzahn in ökumenischer Gemeinschaft zu begehen. Wir haben das Fest Mariä Empfängnis gemeinsam in großer Runde in der katholischen Kirche im Gemeindesaal gefeiert. Beim gemeinsamen Johannisfeuer, der Feier des 2000. Geburtstages Johannes des Täufers in der Maratstraße, waren wir dann schon weniger. Für die Adventszeit hatten wir uns vorgenommen, wie in der Anfangszeit unserer Gemeinden uns gegenseitig in die Familien einzuladen. Ganze zwei Einladungen kamen zustande, die dann auch noch kurz vorher abgesagt wurden. Silvester wollten die meisten zur großen Feier am Brandenburger Tor. Mein Anliegen war, dass unser Gemeindezentrum an diesem Abend offen sei und Licht aus den Fenstern leuchte. Wir luden ein zu gemeinsamen Gebet und Gesang und waren ganze zwei hier: ich und ein Alkoholkranker, der an diesem Abend aber nüchtern war und die Orgel spielte, während ich hier vorn Kerzen anzündete und gebetet habe. Draußen war so ein Nebel, dass man die Hand kaum vor Augen sehen konnte. So konnte auch keiner, der eventuell doch hier vorbei gekommen ist, sehen, dass hier drinnen eine Andacht stattfand.

Nun, nach 18 Jahren naht sich bald das Jahr, in dem wir 2000 Jahre Gedenken an Jesu letztes Abendmahl , seine Kreuzigung, seine Auferstehung, Himmelfahrt und die Gründung der ersten Gemeinde zu Pfingsten gedenken können. Ob es im Jahr 2030, wie in unserem Kalender angenommen, oder im Jahr 2033 zu feiern ist, darüber diskutieren noch die Gelehrten. Ich denke, wir können angesichts der Größe dieses Ereignisses auch vier Jahre lang in ökumenischer Gemeinschaft feiern.

2006, als ich wieder über diese Worte Jesu im Joahnnesevangelium zu predigen hatte, begann ich mit dem Rückblick auf Heiligabend. Da waren so viele hier und mancher sagte: „Na, dann bis zum nächsten Jahr wieder am Heiligen Abend.“ Jesus aber geht es um das Bleiben. Er will uns nicht nur äußere, sondern auch innere Freiheit, ermöglichen, das heißt auch die Freiheit von Zukunftsangst. 2007 stand die Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent an. Das war mit Ängsten verbunden, ob dann die Preise auch entsprechend steigen würden und man demnächst noch das Nötige bezahlen könne.

Im Jahr 2012 habe ich die Predigtgedanken von 1994 noch mal aufgenommen und über das Lernen nachgedacht. Jesus möchte, dass wir zu unseren Fehlern stehen: „Ja, ich habe etwas falsch gemacht und nur ich bin dafür verantwortlich. Niemand anderes.“ Er möchte, dass wir die Wahrheit anerkennen und uns die Last der Schuld abnehmen. Er sagt: „Sonst bleibst du der Sünde Knecht.“ Damit möchte er Lust machen, nicht mehr Knecht zu sein, sondern Sohn. „Denn ein Sohn bleibt im Haus des Vaters.“

Und nun 2018? Im Sommer anlässlich der Zeitreise habe ich mit Fritz Müller über die Sünde und die Bedeutung des Todes Jesu disputiert. Er wollte heute eigentlich hier sein, aber ich sehe ihn jetzt nicht.1 Am nächsten Sonntag wird er im Gottesdienst anlässlich des Epiphaniasfestes sein und zu seiner Ausstellung hier etwas sagen, in der die drei Könige auf dem Weg zur Krippe im Mittelpunkt stehen.

Meine Überzeugung ist, dass es Regeln geben muss und sie klar und deutlich benannt werden müssen. Deshalb haben wir im Jahr 2010 auch unser Höflichkeitsprojekt begonnen, weil so einfache Regeln des Miteinanders, dass man sich grüßt, wenn man sich kennt und begegnet, nicht mehr selbstverständlich waren. Es sind Regeln, die wir als Kinder schon lernen und ohne die das Leben zur Hölle wird, wenn wir uns nicht danach richten. Doch wenn wir Erwachsenen es meinen, nicht mehr nötig zu haben, uns daran zu halten, woher sollen es die Kinder lernen?

Nun haben wir heute ja keinen Mangel an Regeln und Gesetzen. Kurz vor Weihnachten hatten wir hier im Haus auf einmal eine Hygieneinspektion und daraufhin ein Merkblatt von 3 Seiten eng beschrieben mit den Regeln bekommen, die es einzuhalten gilt. Es war so viel, dass ich bis heute nicht die Nerven hatte, mir das alles durchzulesen. Regeln sind wichtig, aber es kommt auch auf das Maß an. Zu viele kann man sich nicht merken. Da braucht man dann Spezialisten, die nichts anderes zu tun haben, als auf ihre Einhaltung zu achten. So gibt es ja auch für jeden Fachbereich Spezialisten. Dort, wo viele Menschen sind, ist die Einhaltung von Hygienevorschriften natürlich wichtig.

Gott aber hat uns nur wenige Grundregeln gegeben: die zehn Gebote. Jesus hat sie noch einmal zusammengefasst und auf drei reduziert: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Gott zu lieben, den Nächsten zu lieben - und uns selbst lieben dürfen wir auch.

Dazu hat er uns die Vergebung ans Herz gelegt. „Wenn jemand dagegen verstößt, reicht es, dass ich ihm 7 mal vergebe?“ hatte Petrus Jesus gefragt und die Antwort bekommen: Nicht 7 mal, sondern 7 x 70 mal.“ Das heißt doch: immer.

Wir hören gleich den Solo-Gesang „Drei Könige wandern aus Morgenland, o wandere mit. Der Stern des Friedens erhelle dein Ziel, wenn Du suchst den Herrn – und fehlen Weihrauch, Myrrhe und Gold, schenke dein Herz dem Knäblein hold.“ 2 -
Wandere mit, der Stern des Friedens, der Stern der Gnade erhelle dein Ziel! – Wo von Gnade die Rede ist, da werden Regeln bestätigt. „Gnade vor Recht ergehen lassen“ ist ein Ausspruch, der das beschreibt. Regeln und Recht benötigen den Hinweis auf das, was folgt, wenn sie nicht eingehalten werden: eine Strafe / ein Nachteil, der motiviert, die Regeln ernst zu nehmen.

 

Gnade ist ein Erlass dieser Strafe, dieses Nachteils, von Seiten des unabhängigen Richters. Vergeben aber kann nur der Geschädigte, einmal der, dem dadurch ein Nachteil, ein Schmerz, ein Unheil zugefügt wurde und einmal der, der das Gesetz beschlossen und die Regel formuliert hat und darin nicht ernst genommen wurde, dessen Ansehen und Autorität also Schaden genommen hat.

So bitten wir Gott um Vergebung, wenn wir nun miteinander das Heilige Abendmahl feiern und hören, dass er unsere Regelverstöße nicht auf die leichte Schulter nimmt, nach dem Prinzip: „Ist schon gut, war nicht so schlimm, ist schon vergessen.“, sondern dass er es sich sehr viel hat kosten lassen: sein eigenes Leben, ja das Leben seines einzigen geliebten Kindes – und das ist noch viel mehr als das eigene Leben! Es ist die höchst denkbare Steigerungsform! Mit dieser bekräftigt er die Gültigkeit der Regeln, gegen die wir verstoßen haben.

Eins solche Gnade zu empfangen, wird unser Herz berühren und es öffnen für Jesus, dieses Kind, das „Knäblein hold“, diesen Mann aus Nazareth. Lasst uns ihm folgen. Amen.

1 Er war aber anwesend.

2 "Drei Könige wandern ins Morgenland" von Peter Cornelius