Neue Wege

 

 

 

Am 31. Oktober 2017 sind es 500 Jahre her, dass Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug.

2007 begann die Dekade der Vorbereitung auf dieses Fest mit einem jährlichen Themanjahr.

2006 gab die EKD mit der Programmschrift "Kirche der Freiheit" das Signal für den Rückbau unserer evangelischen Kirche in Deutschland, wie der Prozess von Thies Gundlach, dem maßgeblichen Verfasser dieser Zukunftssicht von Kirche, heute bezeichnet wird.

<-  Links finden Sie Kritisches zu dem inzwischen schon weit gediehenen Prozess. Vor allem stelle ich die allgemein vorausgesetzten Behauptungen infrage: das demographische Problem, die angeblich abnehmenden Finanzmittel der Kirchen, die Alternativlosigkeit des bisherigen Weges...

Hier im folgenden mache ich Sie mit anderen Sichtweisen der Probleme bekannt, auf die ich aufmerksam gemacht wurde und die mich überzeugt haben, weil sie dem Weg Jesu entsprechen.

 

Zuerst lesen Sie hier meine Schlussfolgerungen
aus den Vorträgen und Diskussionen des

 

Internationales Symposiums

"Mittendrin! Kirche in peripheren, ländlichen Regionen"

Greifswald vom  23.-25. Mai 2013,

 

anschließend folgen meine Mitschriften von den Vorträgen.

 

Zuerst der Blick nach draußen: Wie geht es den Menschen?

 

- Interessant war für mich als Ossi das Erzählen des Geographs Gerhard Henkel über die Entwickung des Dorfes im Westen Deutschlands, wie ähnlich war doch die Entwicklung trotz der so unterschiedlichen Gesellschaftssyteme.

- Wenn so viele Dörfer heute beim Aussterben sind, dann ist es nicht verunderlich, dass auch Kirchengemeinden sterben. Dann brauchen sie Sterbebegleitung und würdige Beerdigungen durch die Nachbarn, auf keinen Fall aber die Frage: Was habt ihr falsch gemacht, wie könnte man es besser machen, um doch noch Menschen zu erreichen.

- Das Gemeinden kleiner werden und geworden sind, sagt nichts über ihre geistliche Vitalität aus. Das zeigten die Beispiele von alten Frauen, für die sich der Gottesdienst nicht mehr „lohnt“ und die dann anfangen gemeinsam zu beten bzw. zu sehen, wo sie jemandem helfen können und wie daraus wieder neu Gemeinde wächst, ebenso wie die Beispiele von kreativen Nutzungen von Kirchen oder der Übernahme einer Tankstelle oder der Post durch die Gemeinde.

 

 

Welches Bild von Gemeinde und den Haupt- und Ehrenamtlichen tragen wir/ ich in uns/mir? Muss ich davon Abschied nehmen, es korrigieren?

 

 

- Wie geht es den Ehrenamtlichen bei uns und in anderen Bereichen der Gesellschaft?

 

Wichtig ist es, die Auswertung der Bundesregierung zur Kenntnis zu nehmen, den Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009 !

 

Was bedeutet ehrenamtliche Arbeit heute und hier in der Gesellschaft für den Einzelnen?

- Kennen wir die Charismen unserer Gemeindeglieder und Gemeinden? Nutzen wir sie, um unsere Pläne zu verwirklichen oder achten wir darauf, dass sie sich entfalten können zum Nutzen aller?

 

- Wichtig ist, dass wir uns freimachen von dem Fragen nach der bloßen Zahl von Gemeindegliedern bzw. nach dem zur Verfügung stehenden Geld.

 

- Die Mangelbeschreibung – fehlendes Geld, fehlende Hauptamtliche, fehlende Gemeindeglieder - darf darum für uns kein Argument mehr sein für Strukturveränderungen, sprich Zusammenlegungen von Gemeinden bzw. Kirchenkreisen.

 

- Reden wir unsere Krise nicht selbst herbei? Ist es nicht eigentlich eine Glaubenskrise? Jesus hat vorwiegend auf dem Lande gewirkt, in der hintersten Provinz, in Galiläa! Dort berief er seine Jünger.

 

- Trauen wir Gottes Geist etwas zu? Haben wir den Mut zum Risiko und zu eigener Kreativität auch Ungewohntes zu versuchen, nicht Perfektes zu leisten, unbekannte Wege zu betreten? Nehmen wir Abschied von dem Wunsch nach Überschaubarkeit unseres Gebietes, unserer Aufgaben... ? Das Bild vom Befehlshaber (R. Bucher - s.u.), der Überschaubarkeit benötigt, sollte uns zu Denken geben. Es ist ein Abschied auch von der Kontrolle des uns Anvertrauten und ein Zulassen von Freiheit, damit etwas wachsen kann.

 

Stehen wir den Menschen die Freiheit zu, die sie so wieso haben oder hängen wir den alten Bildern von einer Amtskirche immer noch an? Kann das Bild eines Krankenhausseelsorgers vor der Tür eines Patientenzimmers uns dienen, die Situation auszuhalten, dass ich nie weiß, ob ich abgewiesen werde oder meine Botschaft willkommen ist, aber trotzdem immer wieder anklopfe?

 

Wie können wir den Konsumismus der Menschen als ihre Hauptreligion heute konvertieren, sie auf ihre wirklichen Sehnsüchte ansprechen und ihnen das näher bringen, was sie wirklich brauchen? Wichtig ist vor allem unsere eigene Glaubwürdigkeit, als Person, als Gemeinde und Kirche? Wie halten wir es mit dem Konsum?

 

Das Bedürfnis, als Christen miteinander die Freizeit zu teilen, entstanden im 19. Jahrhundert, hat zur Entstehung der „Kerngemeinde“ geführt. Sie kritisch zu sehen, war mir neu, ebenso die Nichtchristen vor Ort mit in das theologische Nachdenken über Gemeinde als dritten Kreis miteinzubeziehen und die vielen dazwischen, unsere „Karteileichen“, die Namenschristen, so positiv einzuschätzen, wie es Albert Rouet tat. Gerade sie als Bindeglieder zwischen dem ersten und dritten Kreis ernstzunehmen und anzusprechen, erscheint mir sehr lohnend, zu mal sie es ja oft sind, die die praktische Arbeit der Nächstenliebe in der Gemeinde verwirklichen. Neue Strukturen mit ihnen und auch denen aus dem dritten Kreis, den Nichtkirchenmitgliedern aufzubauen, in denen sie mitwählen dürfen und gewählt werden können, wie in der Diözese von Poitiers geschehen, erscheint mir sehr sinnvoll.

 

Die immer wieder wiederholte Forderung von mehr Bildung in Glaubensfragen kann nur auf wirklich fruchtbaren Grund fallen, wenn sie die Entfaltung der Charismen der Gemeindeglieder und der Gemeinschaft untereinander fördert. So darf nicht Stolz über erlerntes Wissen bzw. wie etwas richtig sei oder gemacht werde, aus der Bildung erwachsen, sondern Demut und Dankbarkeit angesichts der Wunder der Schöpfung und der Art, wie Gott mit uns Menschen redet, sollten die Kennzeichen gelungener Bildung sein, ebenso wie das weitere Fragen und Forschen und die gestärkte Gemeinschaft untereinander.

 

 

Die Betonung der Freiheit der heutigen Menschen beeindruckte mich. Wir sollten endlich Abschied nehmen von dem Bild einer Amtskirche, sowohl in den Selbstbezeichnungen unserer Binnensprache (Amtszimmer, Kirchenamt, Verwaltungsamt, Amtshandlungen...) wie in unseren Forderungen an unsere Gemeindeglieder im Blick auf den amtlichen Nachweis ihrer Mitgliedschaft und die Betonung ihrer durch Amtshandlungen erworbenen Rechte und Pflichten. Die Menschen heute sind frei und sie nutzen ihre Freiheit, z.B. um aus unserer Institution auszutreten, und sie verbinden ihren persönlichen Glauben nicht mehr mit unserer Institution,  selbst wenn sie Kirche finanziell durch die Kirchensteuer unterstützen, indem sie Mitglied bleiben.

 

Darum sollten wir ihnen diese Freiheit auch gewähren durch den Verzicht auf die Kirchensteuer und die Bitte um freiwillige Unterstützung der Kirche. Die Einführung einer alternativen Kultursteuer wie in Italien oder / und die Übertragung der Verantwortung für den Erhalt der (denkmalsgeschützten) Kirchengebäude an den Staat/ die Kommune (wie in Frankreich) wären Möglichkeiten, die historisch gewachsene Baulast wieder institutionell in die Verantwortung der einstigen Erbauer und Bauwerksunterhalter zu übertragen.

Nur durch die Abschaffung der Kirchensteuer können wir als Kirche unsere beim Symposium so betonte größte Krise als Kirche überwinden, unsere mangelnde Glaubwürdigkeit. Dazu gehört auch die Offenlegung der Finanzen einschließlich der Rücklagen wie der Art ihrer Anlage sowie der sozialen Sicherungen, wie z. B: der Versorgungskassen für Pfarrer und Kirchenbeamte.

 

Wichtig für meine Arbeit erscheint mir, künftig die Vielfalt in der Gemeinde und ihrer Umwelt noch stärker in den Blick zu nehmen und darauf zu achten, dass sie zur Kenntnis genommen und als äußerst wichtiger Wert erkannt wird. Vielfalt behindert die Überschaubarkeit. Darum u.a. sind gerade wir Hauptamtlichen in der Gefahr, sie einzudämmen und dadurch Menschen mit ihren Gaben auszuschließen, wenn sie nicht unseren eigenen Gaben gleichen oder sie ergänzen.

 

Bei gegenseitigen Besuchen von Gemeinden sollten wir nach Folgendem fragen
und so unseren Blick schärfen für die eigene Gemeinde:

 

- Welche Altersgruppen sind in der Gemeinde aktiv, welche Berufsgruppen, soziale Gruppen,...? Wie weit wohnen sie auseinander? Wie sind die Verkehrsanbindungen? Ist also Kommunikation unter ihnen möglich? Wo treffen sie sich noch im täglichen Leben? Welche Außenkontakte bringen die Gemeindeglieder mit, welche Geschichten verbinden sie mit anderen von draußen?

 

- In welchen Strukturen erfolgt die Kommunikation untereinander, getrennt nach Frauengruppe, Jugendgruppe...? Nehmen sich die einzelnen Kreise/Gruppen untereinander wahr? Gibt es ein Interesse aneinander? Wer ist im Gemeindekirchenrat vertreten?

 

- Welche offiziellen kontinuierlichen oder gelegentlichen Kontakte gibt es zu anderen Institutionen, Vereinen, Gewerbetreibenden usw. vor Ort?

 

- Mit welchen Anliegen kommen Fremde in die Gemeinde/Kirche? Werden diese Anliegen von der Gemeinde ernst genommen? Kommt es zu erneuten Kontakten?

 

Hilfreich ist es sicher, sich die Vielfalt einer Gemeinde einmal aufzumalen: gibt es die Gegensätze von arm und reich, schulisch hoch gebildet und wenig gebildet, Wessi und Ossi, Einheimischer und Ausländer, Arbeitsloser, Angestellter, Freiberuflicher, Praktikant, Frührentner und „Spätrentner“,....

 

- Wie können wir die diakonische Arbeit in der Gemeinde stärken als eine Hilfe vor allem für Menschen in der Gemeinde und ihrem direkten Umfeld, nicht nur durch das Spenden von Geld?

Sehen wir die Not der Menschen? Hören wir ihr zu? Nehmen wir ihre Not ernst, oder schieben wir sie von uns mit dem Hinweis auf ein Jammern auf hohem Niveau und den Hinweis auf die Menschen in Afrika usw., die uns zeigen, was wirklich Not sei?

 

 

 

Es folgen hier konkrete Fragen bei Gemeindebesuchen: