Zu Arno Widmann: Der alte Tanker Kirche

 

Von der Berliner Zeitung nicht veröffentlichter Leserbrief zu:

 

Der alte Tanker Kirche. Betrachtungen über Gott, das Böse und eine verlogene Debatte

von Arno Widmann, Berliner Zeitung vom 06./07. März 2010, Magazin S.1.und 2

 

- wie ich im Dezember 2010 erfuhr, hatten auf diesen Artikel hin Tausende der Zeitung geschrieben:

„Sacrificium intellektus", heißt es in der christlichen Tradition. Das ist der Kern der Botschaft, behauptet Arno Widmann.

Der Verstand sei allenfalls dazu gut, die ursprüngliche Botschaft aus dem Schutt, den die Jahrhunderte über ihr angehäuft haben, zu befreien. Neues zu entdecken tauge er nicht.

Ich war eine Zweiflerin, aufgewachsen in einem Pfarrhaus auf dem Land und groß geworden mit dem Ost-West-Konflikt.

Zu Hause und in der Gemeinde:
Die Geschichten der Bibel, die Gewissheit, dass das Leben nicht mit dem Tod ende, sondern dass es ein Wiedersehen einst gäbe, die Achtung und Fürsorge für Kinder, Kranke, Verurteilte, Behinderte, Alte und Missachtete.

Auf der anderen Seite die Erfahrung, selbst ausgeschlossen zu werden als ein Christ, der nicht alles, was ihm als Wahrheit angeboten wird, verifizieren kann (aufgrund der Erzählungen und Erfahrungen der Eltern), und darum selbst Fragen stellt.
Die sozialistischen Länder hätten noch nie einen Krieg angefangen. Was war mit dem Krieg gegen Finnland?

Heute muss man solche Fragen nicht mehr stellen, aber wer das Fragen stellen gelernt hat, kann es nicht sein lassen.

Wer hat Recht, die Marxisten oder die Christen?
Welche Rolle spielten und spielen die Kirchen in der Gesellschaft? Sind sie nur Propaganda-Organ der herrschenden Klasse?
Stehen sie stets auf der Seite der Unterdrückten?
Machen sie all jene zu Ketzern, die sich für Gerechtigkeit einsetzen?
Vertrösten sie auf ein Jenseits und sind sie Opium für das Volk, damit es geduldig leidet?

Ich studierte an der Humboldt Universität Theologie. Mit Hilfe einer Sonderreife-Prüfung war das auch für Nicht-Abiturienten wie mich möglich. Als Pfarrerstochter zählte ich zu „S“ im Klassenbuch, nicht zu den „A“ - Arbeitern, nicht zu den „B“ - Bauern, nicht zu den „I“ - Intelligenzlern, obwohl beide Eltern studiert hatten. Das „S“ hieß wohl Sonstige – ich empfand es als „Schwerverbrecher“ -. Warum wurde mir sonst trotz eines Durchschnitts von 1,0 und gesellschaftlichem Engagements der Weg zum Abitur und auch der zur Berufsausbildung mit Abitur verwehrt.

In der 7. Klasse war ich aus Überzeugung in die FDJ eingetreten, nachdem ich „Wie der Stahl gehärtet wurde“ gelesen hatte.

Ich wollte auch den Armen, Ausgegrenzten und Unterdrückten helfen. Dass Menschen noch hungern mussten, empfand ich als schrecklich. Kriege zur Aufrechterhaltung des alten Systems als brutal. Ich liebte alle, die für eine bessere Welt eintraten und wollte dafür meine Kraft geben.

Misstrauisch wurde mein Engagement beguckt wie das aller anderen Christen, die ähnlich dachten. Zum Glück gab es die Schwestern und Brüder, die Verwandten aus dem Westen, die uns besuchten, mit denen ich viele Briefe wechselte. Sie hatten Interesse an uns, teilten zum großen Teil unsere Anliegen.
Das machte uns für die andere Seite zwar nicht vertrauenswürdiger, aber schenkte uns einen weiteren Horizont.

Klar war, wir Christen waren ein Relikt des Mittelalters und würden über kurz oder lang aussterben. So dumm könne doch in der modernen Zeit keiner mehr sein, an Gott zu glauben.

Man sehe doch, was die Religion und die Kirchen alles angerichtet hätten in der Geschichte:
Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Inquisition. Sie hätten sich immer konterrevolutionär in der Geschichte verhalten und gegen die Befreiung der Unterdrückten eingesetzt. Und überhaupt sei das alles mit Jesus nur eine ausgedachte Geschichte. Der habe ja gar nicht wirklich gelebt.

Wir waren stolz auf die Befreiungstheologen in Lateinamerika und auf die Rolle von Martin Luther King u.a., die sich für die Rechte der Schwachen einsetzten. Das konnten auch die anderen nicht leugnen, auch wenn sie kritisch blieben und die aus kommunistischer Überzeugung Handelnden für ungleich effektiver hielten.

Dann lernte ich Menschen aus jenen Ländern kennen, auf denen unsere Hoffnung lag.
Vietnamesen, die selbst gegen die Amerikaner gekämpft hatten und nun zum Studium in der DDR waren, Afghanen, Mongolen, Mosambikaner, … und sie erzählten auch anderes, was nicht in das offizielle Bild passte.

Wieder begann der Zweifel.
War die Welt des Sozialismus wirklich eine bessere? Würden die Kriege, der Hunger … wirklich aufhören, wenn erst die ganze Welt sozialistisch wäre?
In der Abenddämmerung sah ich verschämt eine alte Frau in einer Mülltonne nach Verwertbarem suchen und musste an das Wort Jesu denken „Arme habt ihr allezeit unter euch“. War die Armut im Sozialismus wirklich abgeschafft worden? Oder hatte Jesus Recht, so sehr es mich auch ärgerte. Machten wir uns nicht etwas vor, wenn wir annahmen, dass das Leben für die Menschen in den sozialistischen Ländern besser war als in der übrigen Welt?

Da erzählten Menschen, die auf Dienstreise in der Sowjetunion gewesen waren, wie es dort aussah - das Leben, jenseits der Gebiete, in die Touristen durften. Darüber konnte man aber nur in vertrauter Runde reden.
Auch an der theologischen Sektion der Humboldt-Universität gab es Christen, für die das Böse nur außerhalb der Grenzen der Länder des Sozialismus lag und in der überwundenen Vergangenheit. Wer unbequeme Fragen stellt, war bald soweit, dass er einen Ausreiseantrag stellte.

In der historisch kritischen Forschung geschult, bekam ich als Thema für meine Diplomarbeit, die Formeln „Jesus Christus ist für uns gestorben“ in den Paulusbriefen zu analysieren.
Formeln sind dies, weil Paulus diese Wortfolge an etlichen Stellen benutzt. Sie sind also nicht spontan, sondern durch häufigen Gebrauch schon erstarrte Sprache. Ich stellte fest, dass die Formel um ein entscheidendes Wort länger war, nämlich: „Christus ist für uns gestorben, damit…“. Es folgt darauf eine Aussage, die das Leben Jesu voraussetzt.
Daraus folgt, dass die ursprüngliche Aussage länger war, nämlich so, wie sie auch an etlichen anderen Stellen steht: „Jesus Christus ist für uns gestorben und auferstanden, damit wir mit ihm leben“. Die so genannte Kreuzestheologie des Paulus, setzte also nicht nur den Tod, sondern die Auferstehung Jesu voraus.

Bedenkt man, dass Paulus seine Briefe 20 – 25 Jahre nach Jesu Kreuzigung schrieb und dass er Petrus, Jakobus und Johannes und viele andere damalige Christen kannte, die schon vor ihm zum Glauben an Jesus gekommen waren, dann ist dass so, als wenn wir uns heute über die Wendeereignisse mit anderen schriftlich austauschen, mit solchen, die dabei waren und solchen, die es nur vom Hörensagen kennen.
Es ist nicht nötig, das Ereignis des Mauerfalls zu schildern. Wichtig ist, zu klären, wie es dazu kam und was er bedeutete und bewirkte oder hätte bewirken können. Der Fakt selbst ist allen bekannt. Vergessen hat auch niemand, was damals war, höchstens verdrängt und verschwiegen, weil es gefährlich wäre, zuzugeben, was man damals tat und dachte.

Als 24jährige begriff ich noch nicht so ganz, was ich mit meiner Arbeit bewiesen hatte, nämlich, dass die Auferstehung Jesu, nicht der Tod Jesu das entscheidende Ereignis, das Evangelium war, dass seitdem Menschen dazu brachte, ihr Leben zu ändern und selbst unter Todesgefahr Christ zu werden. Es war die Gewissheit, selbst auch aufzuerstehen zu einem neuen Leben, jetzt schon durch die Taufe und einst bei der Auferstehung der Toten. Auch zu Zeiten des Paulus gab es schon Christen, denen das erstere genügte und die meinten, das zweite wäre nicht so wichtig. Dagegen argumentiert Paulus im 1. Korintherbrief im 15. Kapitel und lässt keinen Zweifel daran, dass ohne die Auferstehung alles sinnlos wäre und auch unlogisch, außerdem sei er ja selbst ein Zeuge der Auferstehung Jesu und wisse von vielen weiteren.

Für mich blieb die Frage:
Wer hat Recht? Die Marxisten oder die Christen?
Predigen hätte ich damals noch nicht gekonnt. So nahm ich dankbar die Möglichkeit eines Forschungsstudiums in Greifswald an. Ich untersuchte die Predigten der Berliner Hof- und Domprediger danach, ob die marxistischen Vorwürfe stimmen würden.
Predigten waren seit der Reformationszeit in den Bibliotheken vorhanden, allerdings so viele, dass ich nur solche auswählte, die zum zentralen christlichen Thema gehalten wurden, zu Texten vom Tod und der Auferstehung Jesu.
Da standen die überaus selbstbewussten Predigten der Reformatoren Jakob Schenck und Johannes Agricola neben den ängstlichen der so genannten Zeit der Orthodoxie, die selbstbewussten Predigten der Aufklärer neben denen, der zum Vergleich hinzugezogenen französischen Migranten, der Hugenotten, gegensätzliche Welt- und Menschenbilder, totaler Pessimismus neben erfrischendem Optimismus.
Interessen der Herrschenden wurden nicht vertreten, dafür die eigenen. Denn es war nicht selbstverständlich, dass der Kurfürst seine Prediger auch für ihre Arbeit bezahlte. Die einen, Luthers ehemalige Freunde, inzwischen aber von ihm verfemt als Antinomer, sahen in Luther den neuen Papst und sparten nicht mit harten Worten.
Die Aufklärer wussten, dass Religion unter ihrem König Friedrich dem II. nur noch eine Sache für das Volk war. Seitdem er König war, hatte er an keinem Gottesdienst mehr teilgenommen und ließ sich von seinen Dichterfreunden ohne das Evangelium von der Auferstehung im Park von Sanssouci beerdigen.
Unsere Vorstellungen von der Rolle der Hofprediger und die Wirklichkeit lagen weit auseinander.

Wider mein Erwarten wurde mir in Greifswald die Dissertation anerkannt und ich zum Doktor der Theologie promoviert. An der Verteidigung nahmen Professoren der marxistischen Sektionen teil, ließen es geschehen und lobten mich, weil ich ausschließlich mit Quellen gearbeitet hatte.

Parallel zur Auseinandersetzung mit den marxistischen Vorwürfen gegen das Christentum musste ich mich notgedrungen mit der Praxis unter sozialistischen Bruderländern auseinandersetzen. Dass junge Menschen sich verlieben, war beim Studentenaustausch nicht vorgesehen, auch keine Schwangerschaften und Heiraten.
Ich wollte einen Vietnamesen heiraten. Eine lange Geschichte! Fünfeinhalb Jahre Kampf mit nationaler und internationaler Solidarität! Mir waren in dieser harten Zeit die alten Predigten der Hofprediger die Hilfe, die ich brauchte, um durchzuhalten und das Wesen der Menschen zu verstehen. Ich weiß nicht, was ohne diese Predigten aus mir geworden wäre. So aber war ich fähig, mich zum Vikariat anzumelden und von der Auferstehung Jesu, ihren Gründen und Folgen zu predigen.

Mit zwei kleinen Kindern ist eine Arbeit als Pastorin nur schwer zu bewältigen. Darum war ich froh über das Angebot, wieder zur Humboldt- Universität zurückzukehren und eine Assistentenstelle zu bekommen.
Was ich in den ersten vier Jahren nicht geschafft hatte, wollte ich nun fortführen und die Predigten der Hof- und Domprediger des 19. und 20. Jahrhunderts noch analysieren. Doch ich blieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bei der Revolution 1848 hängen. Außer den Predigten kamen als Quellen nun die Zeitschriften und Zeitungen dazu, in die sich der Kampf um eigene Interessen verlagert hatte. Dazu las ich Briefe und Biographien, alle Quellen aus der Zeit, die ich finden konnte. Es zeigte sich, dass die Revolution in Berlin gänzlich anders abgelaufen war, als ich gelernt hatte. Von Marx war noch nichts zu hören, dafür aber spielten jede Menge Geistliche aller Konfessionen eine große Rolle in der ersten frei gewählten Nationalversammlung Preußens.
„Jesus, meine Zuversicht“ war die Hymne der Revolution. Das alles las ich u.a. in einer dreibändigen Geschichte der ersten Monate der Revolution, die im Lesesaal der Universitätsbibliothek für jeden frei zugänglich stand, die Berliner Revolutionschronik von Adolf Wolff, 1850-54 herausgegeben, also noch selbst ein Zeitdokument, allerdings so ausführlich und eng beschrieben gedruckt, dass wohl kaum jemand sie wirklich gelesen hat.

Die Rätsel, die sich mir auftaten, zwischen Quellenlage und der Darstellung der Revolution in den kommenden Jahrzehnten, lüfteten sich im Vergleich von Briefen, Tagebüchern, gedruckten und ungedruckten Abschriften desselben Buches. Entscheidende Stellen wurden nach dem Scheitern der Revolution weggelassen: Die Kritik am König in den Tagen des März 1848 und danach. Sehr bewusste Verdrängung ist hier den Quellen abzulesen, Feigheit, Selbstrechtfertigung, Beschönigen der eigenen Zweifel in den entscheidenden Stunden. Geschichtsschreibung über diese Zeit in Ost und West ist bis heute ein Ergebnis dessen, was nachher geschah, nicht was in jenen März-Tagen in Berlin geschah.

Ich selbst konnte mir kaum vorstellen, dass die Berliner einmal so aktiv sich ins öffentliche Leben einmischten, wie in jenen Monaten des 19. Jahrhunderts. Dann erlebte ich es selber: die Menschen fingen an zu blühen. Ein nie gekanntes Gemeinschaftsgefühl verband uns. Wir Ausgegrenzten waren auf einmal die, die den Weg zeigen und die Sache retten sollten. Endlich konnte man über alles öffentlich reden und wurden die wahren Probleme benannt.
Die alten Strukturen brachen zusammen. Für neue Initiativen gab es alles, was man brauchte, Räume, Papier, Presse- und Demonstrationsfreiheit. Das war einfach wunderbar. Professoren saßen im Zimmer von Studenten, auch wir die Assistenten, und wir berieten gemeinsam, was wir tun könnten, um die Studienverhältnisse zu verbessern.

Wieder hatte ich Zweifel, ob ich meine Arbeit noch loswürde. Wer hätte Interesse an einer Auseinandersetzung mit dem Marxismus, wo doch gerade keiner mehr ein Marxist sein wollte. Mir war der Feind abhanden gekommen. Er hatte sich in Luft aufgelöst. Doch wieder hatte ich Glück. Es fanden sich Professoren, die sie begutachteten. Aber dann verschwand die Arbeit. Die Dissertationen in den Regalen der Universitätsbibliotheken und meine befristete Stelle lief aus.
Es folgte Arbeitslosigkeit, eine ABM-Stelle, dann das Glück in Marzahn/Nord als Pastorin gewählt zu werden.

Seit 1985 predige ich nun regelmäßig, zuerst im Vikariat, dann ehrenamtlich, dann im Hauptamt. Noch immer ist für mich die intensive Auseinandersetzung mit den uralten Texten der Bibel Kraftquell und Lebenshilfe. Auf das Erleben und Hören der letzten Woche werfen sie ein Licht, dass mich immer wieder mein eigenes Denken hinterfragen lässt, mein Denken das von heutigen oder auch noch gestrigen marxistischen Denkmodellen geprägt ist, und ich merke, dass man dieselbe Sache auch in einem ganz anderen Licht sehen kann.
Daraus wiederum leiten sich dann andere Schlussfolgerungen ab, als wozu wir heutigen Tags normalerweise neigen würden. Alle unsere Vorstellungen, all unser Denken hat nämlich automatisch Auswirkungen auf unser Fühlen, Urteilen und Handeln.

Es ist schon ein Unterschied, ob ich wie Paulus schreibe: „Gott, der gesagt hat: Aus der Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der es in unsern Herzen hat aufstrahlen lassen, sodass wir erleuchtet wurden durch die Erkenntnis von der Herrlichkeit Gottes auf dem Angesicht Christi." (2. Kor. 4,6) oder ob ich vom „Urknall“ spreche, dem Aussterben der Dinosaurier und wie aus Vorfahren der Affen sich einerseits Affen und andererseits wir Menschen entwickelten, wie es jetzt die Kinder in der 5. Klasse lernen. Welches Lebensgefühl entwickelt sich daraus, welche Einstellung, den Untergang der Spezies Mensch zu verhindern? Es ist doch wohl kein Zufall, dass Kinder so mit den Dinos sympathisieren in einer Zeit, wo sich Erwachsene gegenseitig vorrechnen, ob sie sich Kinder leisten können oder nicht, und in der mit der Zukunft unseres Planeten so leichtsinnig umgegangen wird, wie heute.

Wer sein eigenes Denken mit den fast zwei- bis dreitausend Jahre alten Texten der Bibel konfrontiert, der lernt das Denken. So ist das Theologie-Studium eine der besten Denkschulen, die es gibt. Denken fordert nicht nur viele Kalorien, sondern tut auch weh. Weltbild und Menschenbild sind das geistige Rückgrat eines Menschen, wenn da etwas infrage gestellt wird, kommt ein Mensch gefährlich ins Wanken. Darum haben wir das nicht so gerne. Wir wollen uns selbst treu bleiben. Selbst wenn eine Wende im Denken unausweichlich ist, weil alle bisher für Fakten gehaltenen Tatbestände zusammenfallen, wie in der Wendezeit für Marxisten, dann freut sich der Mensch nach 20 oder 40, ja 60 Jahren immer noch, wenn er meint feststellen zu können, damals doch nicht ganz so verkehrt im Denken gelegen zu haben und sich so sein angebrochenes Rückgrat wieder aufrichtet. Alles, was dem entgegensteht, wird nur zu gern ausgeblendet, das können wir ja gerade in unseren Tagen hier im Osten Deutschlands fast täglich hören.

Da können Zeitzeugen in Hohenschönhausen oder in Bautzen erzählen, was sie wollen, nur wenige hören ihnen zu und fragen sich ernsthaft, was war das damals und was ist heute vielleicht, von dem wir nichts ahnen.

Nicht nur zu predigen habe ich, auch mit Kindern und Jugendlichen unternahm ich in den ersten Jahren bis zur Geburt meines dritten Kindes viel. Da hörte ich dann kurz vor einer vierzehntägigen Ferienfahrt mit Kindern von der Mutter eines Mädchens, dass sie zu Hause Geld gestohlen hatte und dafür Süßigkeiten gekauft und in der Schule verteilt hatte, um Freunde zu bekommen. Ob ich sie trotzdem mit nähme? Ich nahm sie mit, ließ sie aber sicherheitshalber in meinem Zimmer schlafen. Ich sagte ihr, dass ich das Geld für die ganze Gruppe mit hatte und ihr damit auch anvertraue. Es kam kein Geld weg. Nach drei Tagen erzählte sie mir Freude strahlend, dass sie schon viele Freundinnen habe. Wenig später, bekam ich die Ursache mit. Sie hatte den anderen Kindern erzählt, sie wäre von einem unserer Betreuer sexuell auf ihrem Bett belästigt worden, hätte ihn aber mit ihren Knien abgewehrt und hatte zum Beweis ihr zerschrammtes Knie gezeigt. Alle glaubten ihr, außer mir, in deren Zimmer es passiert sein sollte. Ich ging durch alle Zimmer und fragte, was das Kind ihnen erzählt hatte. Die Begründungen, warum die anderen der Geschichte glaubten, waren alles andere als überzeugend: Er habe so geguckt, habe eine Bemerkung gemacht, als die Mädchen mit ihren Flatterhemden den Flur lang kamen. Dann fragte ich das Kind selber: „Was hast Du erzählt?“ Sie lief puterrot an. Das schlechte Gewissen war mit Händen zu greifen. Als wir wieder zu Hause waren, erzählte ich der Mutter die Geschichte und erfuhr, dass das Mädchen dies schon vorher zweimal gemacht hatte, einmal mit dem Großvater, einmal mit einem Bekannten. Bei der Auswertung im Kreis der Betreuer beschlossen wir, nie wieder mit Kindern während unserer Fahrten in einem Zimmer zu schlafen. Man könne nie wissen, was Kinder eventuell später darüber erzählen würden.

Mir war klar, dass Kinder sich dabei nichts denken. Sie ahnen nicht, wie sie mit solchen Geschichten das Leben eines Menschen zerstören können, begegnet Ihnen Sex doch überall: auf Bildern, sie bekommen den Sex ihrer Eltern mit, sie sehen entsprechende Filme und Videos. In der Wohnung unbekleidet zu sein, ist für nicht wenige Familien normal. Kinder sollen sehen, wie Erwachsene und das andere Geschlecht aussehen, und dass Sex zum Leben dazu gehört. Man macht mit ihnen entsprechende Witze und freut sich, wenn sie in Playback Shows Michael Jacksen und andere Stars nachahmen können. Sie merken, dass sie dadurch Interesse erreichen und im Mittelpunkt stehen können. Wer wirklich sexuell missbraucht wird und wurde, der schweigt in der Regel, und erst Jahrzehnte später kommt hoch, was geschah.

Männer, die mit Kindern zu tun haben, sind um ein vielfältiges mehr gefährdet als Frauen, in den Ruf zu kommen, Kinder sexuell belästigt zu haben. Warum ist das so? Wer als Mann beschuldigt wird, hat kaum Chancen, seine Unschuld zu beweisen. Kommt er ins Gefängnis,dann steht er in der Hierarchie der Gefangenen ganz unten. Entsprechend wird er behandelt. Sein Leben ist zerstört. Dabei wollte eine Frau ihn vielleicht nur möglichst sicher loswerden.

In unserer Gesellschaft, in der gesetzlich hetero- und homosexuelle Lebensformen geschützt sind, geraten Menschen, die demonstrativ auf Sex ganz verzichten, ins Visier der Verdächtigungen, weil es die Vorstellungskraft der Mehrheit übersteigt, dass jemand glücklich sein kann in dem Einssein mit Gott und sich kein körperliches Einssein mit Menschen ersehnt. Wenn gleichgeschlechtliche Menschen zusammenleben, mal abgesehen von Eltern und ihren Kindern, ist für die Mehrheit gleich klar, dass sie auch das Bett miteinander teilen. Ja, wer eine Wohnung miteinander teilt und keinen getrennten Kühlschrank hat und gemeinsam die Mahlzeiten einnimmt, gilt schon als Bedarfsgemeinschaft. Nur Studenten und betreute Jugend- und Demenz-Wohngemeinschaften sind davon ausgenommen.

Wer nun gar Mönch oder Priester ist und mit Kindern arbeitet, steht ganz besonders in Gefahr verdächtigt zu werden. Wie viele Filme gibt es, in denen sich über Mönche und Nonnen lustig gemacht wird? Grade die Kutten und verhüllten Haare wirken besonders sexuell erregend für die so geschulte Fantasie. Damit will ich nicht entschuldigen, dass es sexuellen Missbrauch gab und gibt. Aber darin stimme ich Arno Widmann zu, dass an der gegenwärtigen Debatte interessant ist, dass weder Leiter evangelischer, privater noch staatlicher Schulen sich gemeldet haben und der Öffentlichkeit von sexueller Gewalt berichtet haben, sondern nur von katholischen Schulen. Zustimmen muss ich ihm auch, dass die meisten sexuellen Gewalttaten in Familien stattfinden, ebenso, möchte ich hinzufügen, wie Mord und Totschlag, und dies nicht nur in Marzahn, sondern auch in Zehlendorf. Wer deshalb aber gleich die Familie als Schutzraum einreißen möchte und in ihr nur einen Raum für Pädophilie, Gewalt gegen Frauen und Kinder, für Mord und Totschlag sieht, der nimmt gerade den Kindern das, was sie am nötigsten brauchen. Missbraucht werden kann schließlich alles. Das schließt den Gebrauch nicht aus. Alle Mauern einzureißen, wie Arno Widmann vorschlägt, heißt auch keine Häuser mehr zu haben.

„Es gibt keinen Gott. Da ist niemand, der sich unsrer erbarmt. Wir müssen es schon selber tun“, meint Arno Widmann. Wer mit sich selber Erbarmen hat, wird nicht freiwillig Schuld zugeben, schon gar nicht eine Schuld, die es unmöglich macht, in dieser Gesellschaft anders als inkognito weiterzuleben, immer in der ständigen Gefahr und Angst, entdeckt zu werden. Wer die Kraft hat, solche Schuld einzugestehen, der ist innerlich sehr stark.

Berlin, 06. März 2010
Dr.sc. theol. Katharina Dang